Was heißt es heute, „bürgerlich“ zu sein?

Von Dr. Dieter Scheidig – Mit dem Verwenden des Begriffes „Bürgerlich“ ist Vorsicht geboten. Äußerste Vorsicht! Für mich als Historiker sowieso. Wie mit allen abstrakten Begrifflichkeiten, welche zur Polarisation und Polarisierung von gesellschaftlichen Gruppen und deren Meinungen und Lebensformen geeignet erscheinen.

Der Wertehimmel der Bürgerlichkeit ist im Wandel? Weil alles im Wandel ist? Nö! Meine persönliche peristente Meinung habe ich nun dazu bereits seit Anfang der 1980er Jahre: deswegen ist sie ja „peristent“, weil ich diese bereits seit Beginn eigener, bescheidener Denkfähigkeit habe. Ich las damals die „Gespräche mit Goethe“ von Eckermann und tauchte als junger Leser in eine geordnete Welt biedermeierlich-betulicher Bürgerlichkeit ein.

Dazu feste Elternhaus – Vorgaben der Orientierung – eine gewisse, unzwanghafte Ordnungsliebe, Pflichtbewußtsein ohne Selbstaufgabe, Grundanstand, sehr starke Heimatliebe, Sauberkeit, Neigung zum Gemeinwesen (mein geliebter, beschränkter „Schloßturmhorizont des gebürtigen Rudolstädters halt…) – konkurrierten später mit meiner leicht bummligen Seele des remarquesken Möchtegern – Autors und ökonomisch schwachen Lebenskünstlers; entschärfen damit den eigenen, eitlen Teilanspruch auf Bürgerlichkeit ganz ungemein.

Am ehesten kann ich noch etwas mit dem Begriff des Bildungsbürgertums anfangen, eben gerade weil Bildung nichts oder nur wenig mit potenter ökonomischer Stärke zu tun hat: sicher auch ein antiquiert erscheinender Gruppenbegriff.

Aber diese Gruppe von kleinen Lehrern, müden Museumsmitarbeitern, entnervten Sprechstundenhilfen und Erziehern setzte in ihrem Leben nicht auf Supergeld und Karriere, sondern auf eine verlässliche Gesamtgesellschaft plus Überbau, „… wo verlässliche, eindeutige Standards für alle gelten … für Einzelne, für Unternehmen, für Staaten, – Standards von Zuverlässigkeit, Loyalität, Kontrolle (…).“ (Schirrmacher, Frank, in: Franfurter Allgemeine; Feuilleton, 15. 08. 2011) – also eine Gesellschaftsgruppe, welcher die Prä-Bundeskanzler-Schröder-Bundesrepublik zwar auch nicht als Heilsparadies, jedoch von nachvollziehbarer Logik im Entscheidungsfinden damaliger bundesdeutscher Staatslenker geprägt schien.

Das sind jetztzeitlich eben diese Personengruppen, welche unter realer sozialer und persönlicher Abstiegsangst leiden: Eben der starken Gefahr ihrer „Restentbürgerlichung“ – und dem Höllensturz zu Hartz IV und Vormittagsfernsehen ausgesetzt.

Aber zurück zur Frage „Was heißt es heute, bürgerlich zu sein?“: Haben die bürgerlichen Staatsmänner der Prä-Bundeskanzler-Schröder-BRD – Kohl, Waigel, Blüm – alles getan, um den demographischen Zusammenbruch unserer sozialen Sicherungssysteme zu verhindern? Waren diese gefüllten, satten und saturierten bürgerlichen Saumagen–Genießer nicht willens oder gar unfähig den angekratzten Bevölkerungsbaum umzudrehen? Wurden sie ihrer bürgerlichen Verantwortung für das Gemeinwesen gerecht? Anders kann ich „Bürgerlichkeit“ persönlich nicht definieren! Eher als den wachsamen „Citoyen“ (Ableitungsform von Cite „Stadt“ und „civitas“, Bürgerschaft) der französischen Revolutionszeit, der „eigenverantwortlich am Gemeinwesen teilnimmt und dieses mitgestaltet …“ (Quelle: Wiki); wachsam gegen erneute Willkür alter und neuer Gewaltherrscher.

Nämlich keinesfalls das Äußerliche macht „bürgerlich“ aus: Nicht der Bürger im Sonntagsrock oder das Banker-Würstchen oder die sich konventionell gebärdenden jüngeren Landespolitiker, eingewickelt in ihre zu engen Mainstream-„Alle werden glücklich“-Schülersprecher-Anzüge in bereits uniformgleich-schwarzer Farbe macht Bürgerlichkeit aus. Es ist – oder es sollte vielmehr – eine heutige, aktuelle Lebensform sein, die nicht individuelles Interesse, sondern gemeinsame Interessen ausdrückt – eine Lebensform, die sich eben etwas citoyenhaftes bewahrt hat und nicht mit der Hannelore Kohl-Fönfrisur der broilergesichtigen Mercedes fahrenden Internistenwitwe oder mit anderen ab- und angestaubten Insignien aus bourgeoiser Welt operieren muss.

Rhetorische Frage zum Schluss: Bin ich ein Bourgeois, wenn ich die strahlende Callas in rauschenden Tonaufnahmen lieber mag als den adipösen Herrn Jan „Monchi“ Gorkow?

Comments

  1. Ein sehr interessanter Artikel, dessen Aussagen ich in weiten Teilen zustimme. Meine Antwort auf die rhetorische Schlussfrage: Nein, auf keinen Fall!

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