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Was heißt es heute, „bürgerlich“ zu sein?

Von Andreas Kühn – Die Begrifflichkeit von bürgerlich hat für mich viele Aspekte, vielleicht inzwischen zu viele. Denn dem „Bürgerlichen“ droht seine positive Besetzung verlustig zu gehen. Statt dessen wird verschwurbelt gern von „zivilgesellschaftlich“ gesprochen. Schlimmer noch: Bürgerlich ist beliebig geworden!
Ich bleibe bei der traditionellen Bürgerlichkeit im besten Sinne unserer Vorväter: Eigentum, Fleiß, Recht & Ordnung, Privatheit, Individualismus. Materielle Absicherung durch eigene Leistung ist für mich ein tragendes Element für Bürgerliche. Das alles gepaart mit einer gehörigen Portion Benimm (recht selten geworden in jüngster Zeit). Dazu braucht es nicht den Freiherrn Knigge von 1788, aber einer Frau die Tür aufzuhalten und ein freundlicher Gruß sind sicherlich auch 2018 nicht zuviel verlangt.
Bürgerlich heißt für mich auch, Spaghetti nicht mit Messer und Gabel zu essen und ein Weinglas nicht wie einen Fäustel anzufassen. Wenn Möchtegern-Bildungsbürger in offenen Sandalen, weißen Socken und kurzen Hosen durch die Städte der Toskana taumeln, dann sind es letztlich eben doch nur Proleten – mit oder ohne Doktor-Titel oder Diplom in Sozialarbeit.

Am gefährlichsten sind Leute, die glauben zu wissen,
was gut für andere ist (Eltern ausgenommen).

Norbert Bolz

Bürgerlich heißt für mich vor allem: Bildungsbürgerlich – aber ohne andere zu belehren, ohne Denk-, Sprech- und sonstige Verbote! Wo sind sie abgeblieben, die gediegenen Kenntnisse klassischer Literatur, Musik und Kunst? In welcher Familie wird noch Hausmusik praktiziert? Wer beherrscht noch Latein oder gar Altgriechisch? Wer liest noch regelmäßig das gute alte Buch? Vor allem: Wer liest seinen Kindern noch vor anstatt sie vor der Glotze zu platzieren? Wer wandert mit seinem Nachwuchs statt von einem Erlebnispark zum nächsten zu pilgern?
Wer den Dreisatz ebenso wenig beherrscht wie die Zinsrechnung, hat mit Bildung so wenig am Hut wie mit Bürgertum. Wer zu allem eine Meinung, von historischen Fakten aber keine Ahnung hat, sollte bürgerlich gleichfalls nicht im Munde führen.
Um nicht missverstanden zu werden: Allein Akademiker zu sein, hat mit bürgerlich wenig zu tun. Gender ist für mich keine Wissenschaft, sondern Gedöns. Wer sich dank akademischer Weihen auf Staatskosten tummelt, ist eher dem Prekariat, denn dem Bürgertum zuzuordnen. Dem Säbel der omnipräsenten linksgrünen ideologischen Kavallerie fehlt die scharfe Klinge. Auch wenn sie über Frau und Mann hinaus noch ein paar dutzend Geschlechter entdecken sollten. Wer in der Tradition von Konrad Duden steht, benutzt weder Gendersternchen noch ein Binnen-I.
Deshalb ist bürgerlich vielleicht der neue Adel. Eigene Leistung statt Völlerei dank Geburt. Linksgrüne Wohlstandsverwahrloste, deren eigentlicher Beruf Tochter oder Sohn lautet, haben mit bürgerlich nicht das Geringste zu tun. Bürgerlich heißt, auf eigenen Beinen zu stehen. Dennoch definiert sich wahres Bürgertum über den Geist, nicht über Besitz.
Was gleichfalls nicht zusammen passt: Bürgerlichkeit und Bobos (abgekürzte Zusammenziehung von Bourgeois und Bohemien). Das sind Gegensätze in einem Wort. Jüngere, vor allem aufstiegsorientierte Städter „kreierten“ einen neuen Lebensstil, mit dem sie politisch und ökologisch korrekt sein möchten. Das alles natürlich ohne Askese. Sie hinterlassen zwar meist nur einen kleinen ökologischen Fußabdruck, aber wenig Geistiges oder gar bleibend Positives.
Vor allem heißt bürgerlich, Demokrat zu sein. Wer Extremismus – gleich welcher Couleur – zuneigt, hat bürgerlich gründlich missverstanden. Wer Gewalt gut heißt (gar anwendet), ist von Bürgerlichkeit Lichtjahre entfernt.

„Wer heutzutage in einer politischen Debatte den Begriff ‚Nazi‘ gegen wen auch immer ins Feld führt, ist aus ethischer Sicht
ein Lump, aus historischer Sicht ein Verharmloser und aus intellektueller Sicht eine Null.“

Michael Klonovsky

Worauf setze ich in der Diskussion über die Zukunft des Bürgerlichen? Auf Freiheit durch Sicherheit, auf Heimat durch Bewahrung von Traditionen und Bräuchen, auf gesellschaftlichen Zusammenhalt durch mehr Eigenverantwortung. Auf gediegenes Wissen statt Haltung. Auf weniger statt auf mehr Staat. Und der liebe Gott darf auch mit ins Spiel (nicht sein überwiegend prekäres Bodenpersonal!).

Ich will gern ebenso süffisant wie mein Vorschreiber enden: Die „Schwarze Barbara“ von Heino ist mir allemal lieber als ein grölender Herbert Grönemeyer. Meinethalben darf Heino auch gerne das „Westerwaldlied“ trällern. Vor allem aber mag ich „Die Gedanken sind frei“ – ganz ohne neuzeitliche Gedankenpolizei.
Ein Zigeunerschnitzel mundet mir gelegentlich ebenso wie ein Mohrenkopf und in wenigen Wochen feiere ich Weihnachten und kein Lichterfest. Auch finde ich es sehr heimelig, dass in Thüringen die Kirche meist mitten im Dorf steht. Das darf auch gern so bleiben.
Ansonsten finde ich nachstehende Worte ausgesprochen bürgerlich, die zudem von viel zu wenigen beherzigt werden (vor allem von denjenigen nicht, die so gern und oft die Welt retten wollen):

„Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.“