Allgemein Ansichten Interview

„Touristisch wertvolle Landschaft darf nicht durch verfehlte Energiepolitik nachhaltig Schaden nehmen“

Prof. Dr. Michael Kaufmann wurde 1964 in Gera geboren und schloss eine Berufsausbildung mit Abitur zum Gas- und Wärmenetzmonteur ab. Dann folgte ein Studium an der TU Bergakademie Freiberg, Studiengang Energieanwendung. Danach war er als Ingenieur in der Industrie sowie als Geschäftsführer einer GmbH tätig und arbeitete wissenschaftlich am Karlsruher Institut für Technologie. Seit 2010 ist er Professor für Mess-, Steuerungs- und Regelungstechnik an der Ernst-Abbe-Fachhochschule Jena. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. In der AfD ist er seit 2013 engagiert.

Sie waren bereits Spitzenkandidat der Thüringer AfD zur Bundestagswahl 2013 sowie Bundestags-Direktkandidat im Wahlkreis 195 im Jahr 2017. Jetzt sind Sie Landtags-Direktkandidat für den Wahlkreis Saalfeld-Rudolstadt II, nehmen aber auch Platz 7 der AfD-Landesliste ein. Klappt es nun im vierten Anlauf?

Das entscheiden die Wähler! Die AfD ist 2019 bekannter als noch vor fünf Jahren und auch das Bewusstsein für die von uns benannten Probleme ist ausgeprägter. Deswegen denke ich, dass das thüringenweite Ergebnis meiner Partei das Wahlergebnis 2014 deutlich übertreffen wird. Keine Frage, dass bis Ende Oktober noch viel passieren kann, auch bundespolitisch. Ich werde jedenfalls alles dafür tun, dass das AfD-Ergebnis so gut wie möglich ausfällt.

Ihr Lebensmittelpunkt ist Jena. Wie wollen Sie hiesige Wähler erreichen?

Ich bin bereits im vergangenen Bundestagswahlkampf mit vielen sehr unterschiedlichen Menschen in Kontakt gekommen, habe zahlreiche gute Gespräche führen können. Da hat sich ein gutes Verhältnis aufgebaut. Die „Chemie“ stimmt. Die Planungen für den Herbst laufen auf Hochtouren. Doch zuvor kommen erst noch die Kommunal- und die Europawahl. Dann werden wir zahlreiche Veranstaltungen durchführen, sowohl mit mir als auch mit prominenten Vertretern der Bundes- und Landespartei. Ab August werde ich einen Kleinbus als rollende Werbefläche nutzen, um damit bis Ende Oktober durch den Wahlkreis zu touren und möglichst viele Gespräche vor Ort zu führen.

Rot-rot-grün in Erfurt stellt bereits Weichen für die Zeit nach der Wahl. Stichworte: Neuer Feiertag und Haushalt 2020.

Das sind beides ebenso unlautere wie durchsichtige Wahlkampfmanöver. Der neue Feiertag am 20. September ist kein Geschenk! Diesen zusätzlichen freien Tag bezahlen künftig alle mit ihrem eigenen Geld! Rot-Rot-Grün geht es weder um Kinder noch um Familien, sondern um wahltaktisches Blendwerk. Das werden die Wähler hoffentlich bald erkennen.
Angeblich geht es der Ramelow-Koalition mit dem Haushalt 2020 darum, Handlungsfähigkeit herzustellen für den Fall, dass die Regierungsbildung länger dauern sollte. Auch hier werden Nebelkerzen gezündet, denn Gesetze werden vom Parlament verabschiedet und nicht von einer Regierung. Die konstituierende Sitzung des Landtags kann zeitnah zur Wahl stattfinden – unabhängig von der Regierungsbildung.

Sie sind studierter Energietechniker. Da ist meine Frage nach der Windenergie zwangsläufig.

Eines vorweg: Ich habe keine grundsätzlichen Einwände gegen Windkraft. Aber auch hier ist Maßhalten angesagt. Erneuerbare Energien jedweder Art dürfen den Energiemarkt nicht verzerren. Die massive Förderung der Windenergie setzt Fehlanreize. Das müssen dann die Bürger teuer bezahlen. Wenn es um den Neubau von Windkraftanlagen geht, müssen lokale Gegebenheiten und Bürgerinteressen künftig viel stärker beachtet werden. Unser Kapital, die touristisch wertvolle Landschaft, darf nicht durch eine verfehlte Energiepolitik nachhaltig Schaden nehmen. Da dürfen Bürgerinitiativen dann auf meine volle Unterstützung zählen.

Ihr ländlich geprägter Wahlkreis spielt beim Thema Infrastruktur nicht in der Weltliga. Was haben Sie da in petto?

Sowohl für die Stärkung der Wirtschaft als auch für die im Wahlkreis Wohnenden ist eine deutlich verbesserte Infrastruktur von elementarer Bedeutung. Bestmögliche Verkehrswege und kurze Wege in die Verwaltungen sind da von zentraler Bedeutung. Die Genehmigungsverfahren in allen Bereichen müssen beschleunigt und bürokratische Hemmnisse abgebaut werden.
In Sachen Verkehrswege hat der Wiederaufbau der Linkenmühlenbrücke einen Signalcharakter. Ebenso wichtig ist die bessere Anbindung des Landkreises an die Autobahnen A4 und A9. Als Ingenieur lege ich besonderes Augenmerk auf den beschleunigten Ausbau der digitalen Infrastruktur, ohne die Industrieansiedlungen in den kommenden Jahren schwierig werden. Die Menschen müssen im Wortsinne erfahren können, dass sie auch in den entlegeneren Gegenden nicht abgehängt werden. Das betrifft die Kindergärten, Schulen und die Gesundheitsversorgung ebenso.

Der Tourismus im Thüringer Wald kränkelt ebenso wie am Hohenwartestausee. Eine Idee zur Trendumkehr?

Viele Versäumnisse der vergangenen fast drei Jahrzehnte sind nicht von heute auf morgen aufzuholen. Schelte und Schuldzuweisungen bringen jetzt nicht weiter. Im Landtag lässt sich kaum ein Gesetz zur Stärkung des Tourismus in besagten Regionen beschließen. Was aber machbar ist: Endlich Voraussetzungen zu schaffen, dass der Tourismus unmittelbar vor Ort eigenständig gestaltet werden kann. Tourismusförderung ist kein Ort für parteipolitisches Gezänk – alle müssen an einem Strang ziehen.

Die Bevölkerung in Ihrem Wahlkreis nimmt ab. Was sind Ihre Vorstellungen, vor allem junge Menschen hier zu halten?

Um das zu befördern braucht es ein ganzes Bündel an Maßnahmen. Ich will nur wenige Beispiele nennen: Rot-Rot-Grün war gerade ein Jahr am Ruder und erhöhte gleich mit Wirkung zum 1.1.2017 die Grunderwerbsteuer von 5 Prozent auf 6,5 Prozent. Das war das falsche Signal für junge Menschen, die ein Eigenheim errichten oder kaufen wollen. Das ist der höchste Satz in Deutschland – im wirtschaftlich wesentlich potenteren Bayern werden nur 3,5 Prozent fällig. Die AfD möchte Familien beim erstmaligen Erwerb von selbst genutztem Wohneigentum unterstützen und hatte bereits im letzten Jahr dazu einen Gesetzesentwurf gemacht. Leider wurde er abgelehnt, auch von der CDU.
Ganz wichtig sind bestmögliche Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten. Das Handwerk steht vor riesigen Herausforderungen, was den Nachwuchs anbelangt. Nicht umsonst heißt es (und das zu recht!), Handwerk habe goldenen Boden. Ich möchte junge Menschen ausdrücklich ermutigen, Tischler, Mechatroniker, Kraftfahrer, Fleischer oder Bäcker zu werden. Das sind Berufe, die jeder irgendwann einmal im Alltag braucht. Deshalb haben sie alle mehr Wertschätzung nötig, auch in finanzieller Hinsicht!

Stichwort digitale Welt. Wo klemmt die Säge am meisten aus Ihrer Sicht?

Viel zu viele Behördengänge können nicht online erledigt werden. Da gibt es gravierenden Nachholebedarf. Im ländlichen Raum sind noch zu viele Bewohner von schnellem Internet abgehängt. Beim Thema 5G geht es nicht vorrangig um Onlinespiele in Echtzeit, sondern um Wettbewerbsfähigkeit! Die Industrie benötigt 5G für Roboter, fahrerlose Transportsysteme, Mensch-Maschine-Kollaborationen oder die Steuerung ganzer Fabriken über „virtuelle Zwillinge“. Deshalb setze ich mich für einen schnelleren Ausbau und fairen Wettbewerb ein. Nur so können künftig innovative Geschäftsmodelle entstehen.
Thüringen ist derzeit Schlusslicht bei der Digitalisierung. Um es klar zu sagen: Beim Thema Digitalisierung geht es nicht darum, dass man „an jeder Milchrampe“ mit der XBox daddeln kann. Das ist eine nette Nebenwirkung. Digitale Dienste sind die Voraussetzung für unsere Wirtschaft. Ohne leistungsfähige Netze wird es zukünftig keine Investitionen und keine neuen Arbeitsplätze mehr geben. Netzausbau im ländlichen Raum bedeutet, unseren Kindern eine wirtschaftliche Zukunft und die Voraussetzung für gut bezahlte Arbeitsplätze zu schaffen.
Von Rot-Rot-Grün ist in dieser Hinsicht nicht viel zu erwarten. Für die neue Landesregierung dagegen muss dieses Thema besondere Dringlichkeit haben. Wir brauchen ein Digitalisierungsprogramm insbesondere für die ländlichen Gebiete.