Studie erntet parteiübergreifend Kritik

Der Freistaat Thüringen liegt sowohl bei den Lernzeiten als auch bei der Ausstattung von Ganztagsschulen im bundesweiten Vergleich nur auf hinteren Plätzen. So haben die Schüler an Grundschulen 7,9 zusätzliche Stunden wöchentlich zur Verfügung (13,7 im Bundesdurchschnitt), an Gymnasien 3,9 (7,8) und an anderen weiterführenden Schulen 4,1 (8,2). Dies geht aus einer gestern vorgestellten Studie der Bertelsmann-Stiftung hervor („Die landesseitige Ausstattung gebundener Ganztagsschulen mit personellen Ressourcen“). Die Studie steht zum Download bereit.

Die Analyse sollte erstmals die Lernbedingungen für die 1,27 Millionen Schüler in gebundenen Ganztagsschulen vergleichbar machen. Die Autoren der Studie beklagen, dass zusätzliche Lernzeit und pädagogische Ausstattung in den meisten Bundesländern nicht aufeinander abgestimmt seien. „Wo in Deutschland Ganztag drauf steht, ist leider nicht immer Ganztag drin“, sagte Jörg Dräger vom Vorstand der Bertelsmann Stiftung. Zusätzliche Lernzeit sage nichts aus, wenn diese nur mangelhaft von qualifizierten Lehrern begleitet würden. Er forderte bundesweite Mindeststandards für Ganztagsschulen, um gleichwertige Lernchancen zu ermöglichen. So liege bei den Grundschulen die geringste Abdeckung der Mehrstunden durch weitere Lehrkräfte bei 22 Prozent in Bremen und Hessen. Bei der Sekundarstufe I der Gymnasien nimmt Thüringen mit 20 Prozent den letzten Platz ein. Sachsen-Anhalt verfügt hier zwar über die höchste Abdeckung, allerdings bei sehr wenig zusätzlicher Lernzeit.

Die Reaktionen auf die Studie fallen in Thüringen unterschiedlich, aber kritisch aus. Bildungsministerin Birgit Klaubert (Linke) erklärte, dem quantitativen Ausbau der Ganztagsschulangebote müsse ein qualitativer folgen. Wenn im kommenden Schuljahr Grundschulen und Horte organisatorisch wieder in einer Hand beim Land wären, könnten die Angebote besser aufeinander abgestimmt werden. Die Bertelsmann-Studie habe für Thüringen jedoch eher eine geringe Aussagekraft. Das „offene Konzept“ der Thüringer Schulen sei gar nicht berücksichtigt worden. Nur knapp 13 Prozent aller Schüler würden in einer der 140 gebundenen Ganztagschule unterrichtet, darunter sind 81 Förderschulen. Nachmittags gebe es keine Unterrichtspflicht, sondern ein Betreuungsangebot, den Hort. Statt Lehrern seien Erzieher vor Ort.

„Thüringen muss schleunigst die qualitative Weiterentwicklung der Ganztagsschule in allen Schularten in den Blick nehmen“, fordert die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion Marion Rosin. „Einzelne Leuchtturm-Ganztagsschulen wie etwa die Grundschule Rudolstadt-West zeigen uns, wie man mit einem guten Schulkonzept, mit einer durchdachten Rhythmisierung des Schultags und dem integrierten Einsatz der verschiedenen pädagogischen Professionen den Qualitätskriterien der Bertelsmann-Studie gerecht werden kann“, sagt Rosin und ergänzt: „An diesen Best-Practise-Beispielen müssen wir uns orientieren, wenn wir nun in die Debatte über die qualitative Weiterentwicklung der Thüringer Ganztagsschulen und die dafür notwendigen strukturellen und konzeptionellen Rahmenbedingungen einsteigen.“ Zentraler Ansatz von Ganztagsschulen sei es, den Schultag zu entzerren und so den Pädagogen und den Schülern mehr Zeit zum Lehren und Lernen, mehr Lernmöglichkeiten und individuelle Förderung zu bieten. „Folgt man der Bertelsmann-Studie, dann sind die Rahmenbedingungen für Ganztagsschulen in Thüringen allerdings derart schlecht, dass diese Zielsetzung trotz des großen Engagements der beteiligten Lehrerinnen und Lehrer kaum erreicht werden kann“, erklärt die Bildungspolitikerin. Rot-Rot-Grün habe sich im Koalitionsvertrag zur Weiterentwicklung der Ganztagsschule bekannt. Diese Aufgabe müsse nun bildungspolitische Priorität bekommen.

„Die Studie hat für Thüringen nur wenig Aussagekraft, denn es wurden ausschließlich gebundene Ganztagsschulen untersucht, also Schulen, in denen der Besuch der Nachmittagsangebote für alle Schülerinnen und Schüler verpflichtend ist. Das ist in Thüringen nur ein sehr kleiner Teil der Ganztagsschulen“, sagte der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Christian Tischner. Als wunden Punkt der Studie bezeichnete er den Umstand, dass die rund 500 offenen Ganztagsschulen völlig außen vor blieben. Denn in Thüringen sein mehr als die Hälfte aller Schulen offene Ganztagsschulen (499 von 902 Schulen). „In einer gebundenen (verpflichtenden) Ganztagsschule findet auch am Nachmittag regulärer Unterricht statt, deshalb kann die Teilnahme nachmittags nicht freiwillig sein. In Thüringen gibt es derzeit 140 solcher Schulen, wobei 81 davon Förderschulen sind. Tatsächlich bezieht sich die Studie also auf 24 Grundschulen, 9 Regelschulen, 17 Gemeinschaftsschulen, 6 Gymnasien und 3 Gesamtschulen. Für die 24 gebundenen Ganztagsgrundschulen zeigt die Studie, dass Sachsen und Thüringen diese Schulen deutlich besser ausstatten als praktisch alle großen westdeutschen Flächenländer.“

„Der Wert der Studie ist die umfangreiche Analyse eines ressourcengebundenen Ganztagskonzeptes. Die Schwäche der Studie ist die geringe Übertragbarkeit des Ländervergleiches auf Thüringen und die einseitige Ausrichtung des Forschungsgegenstandes auf die gebundene Form der Ganztagsschule. In der Studie ist überhaupt nicht erfasst, dass im Grund- und Gemeinschaftsschulbereich in diesem Schuljahr in Thüringen alle Schulen ein Ganztagsangebot vorhalten. Ein einmalig guter Wert“, so das Fazit des bildungspolitischen Sprechers der Fraktion DIE LINKE, Torsten Wolf. „Die gewählte Untersuchungsmethode benachteiligt die sehr gute Ganztagsschulentwicklung in Thüringen. Innere Schulentwicklungsprozesse, die in den letzten Jahren im Mittelpunkt standen, finden ebenso wenig Berücksichtigung, wie der hohe finanzielle Aufwand, den das relativ kleine Bundesland Thüringen durch die tarifgerechte Beschäftigung der Erzieherinnen hat. Die Aussagekraft der Bertelsmann-Studie ist daher für Thüringen als begrenzt anzusehen“, geht Wolf in seiner Analyse auf kritische Distanz.