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Nicht zu wählen ist die falsche Wahl

Der Wahlkampf dümpelt eher lustlos vor sich hin und könnte letztlich dazu führen, dass am Ende viele Wähler am 26. Mai den Wahlurnen fernbleiben. Die Nichtwähler könnten eine große Fraktion bilden. Doch wählen Nichtwähler tatsächlich nicht? Keineswegs. Denn auch sie beeinflussen das Endergebnis.

Nichtwähler verschenken ihre Stimme(n) und liefern sich damit dem Votum der Wähler gnadenlos aus. Ein bisschen Mathematik schadet nicht: Alle Parteien partizipieren von den Wahlverweigerern, weil sie selbst mit (absolut) weniger Stimmen ihr angestrebtes (prozentuales) Wahlziel erreichen können. Denn die Gesamtheit der zu vergebenden Mandate wird durch eine geringe Wahlbeteiligung schließlich nicht kleiner.

Angenommen die Partei X würde 30 Prozent der Wählerstimmen anstreben: Für ein solches prozentuales Ergebnis würde sie deutlich weniger Stimmen brauchen, wenn nur 50 Prozent statt 85 Prozent zur Wahl gehen würden. Dieser Mechanismus gilt für alle politischen Gruppen, unabhängig vom angestrebten Ergebnis. Anteilig würde jede Partei mit den meisten Wählerstimmen auch am stärksten von einer hohen Zahl an Nichtwählern profitieren.

Weiter im kleinen Einmaleins: Partei Y schafft es regelmäßig, ihr Potenzial auszuschöpfen. Sie erzielt bei einer Wahlbeteiligung von angenommenen 100 Prozent angenommene 50.000 Stimmen. Das entspräche z. B. zehn Prozent der Stimmen = Mandate. Bliebe die Hälfte der Wähler daheim und gingen alle Wähler von Partei Y dennoch zur Wahlurne, entsprächen diese 50.000 Stimmen nunmehr 20 Prozent (!) der Mandate! Jedem Kreuz käme doppeltes Gewicht zu.

Durch ihre Wahl-Abstinenz geben auch Nichtwähler (unbewusst oder ungewollt) ein Votum ab. Somit hilft ein „Ich habe sie nicht gewählt“ nicht weiter! Auch Nichtwähler sind für das Wahlergebnis stets mitverantwortlich.

Je näher die Wahl rückt, desto stärker stellt sich auch die Frage, wo man sein(e) Kreuzchen taktisch am klügsten setzt. Alle drei Stimmen für eine Liste? Alles für eine Person? Drei verschiedene Personen „bekreuzigen“? Auch wenn Ihnen alle Kandidaten gleich schlecht erscheinen: Es gibt keine besseren!

Egal, wen Sie gern im EU-Parlament, in den Stadträten oder im Kreistag sehen möchten: Gehen Sie bitte wählen! Sonst wählen Sie irgendwelche Politiker indirekt mit, die sich nach der Auszählung bei Ihnen für Ihr nicht vorhandenes Vertrauen bedanken. Wollen Sie das?

Und wenn Sie die „Falschen“ wählen, können Sie am Tag nach der Wahl Ihren Nachbarn, Freunden und Kollegen immer noch erzählen, dass Sie Ihr Kreuz bei den „Richtigen“ gemacht haben.

Rebecca Schmidt