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Nicht blau, sondern ernüchtert

Man musste nicht erst Chronist der gestrigen AfD-Veranstaltung in Wöhlsdorf werden, um über diejenigen heftig den Kopf zu schütteln, die AfD-Anhänger noch immer bei den „Abgehängten“ vermuten. Das Publikum sah wahrlich anders aus. Nicht wenige kamen direkt von ihrem Arbeitsplatz, wo sie mit ihren Steuern und Sozialabgaben dafür sorgen, dass auch diejenigen gut leben können, die gar nicht das Bedürfnis haben, frühmorgens aus den Federn zu kommen. Wen kann es wundern, wenn die gemolkenen Kühe mit bereits wunden Eutern sich weigern, mit künftig noch weniger Futter noch mehr Milch zu geben?

Ich sah so manches bekannte Gesicht aus der Region, das wahrlich nicht einem abgehängten Prekariat zuzurechnen ist. Im Gegenteil: Da standen und saßen einige (leitende Angestellte, Selbständige, Freiberufler), denen ich durchaus zutraue, einen Tesla oder Audi e-tron aus der sprichwörtlichen Portokasse zu bezahlen. Doch wegen „Seenotrettung“, Elektromobilität, noch mehr Vogelschreddern und Sorgen um ein bezopftes krankes Kind waren sie nicht gekommen. „Der schönste Tag ihres Lebens“ war auch nicht mit dem eines Bodo Ramelow identisch. Die Menschen im Saal, die ich gestern sah, verbinden mit diesem Tag ganz sicher ihre Hochzeit, die Geburt ihrer Kinder oder den Einzug ins Eigenheim – und nicht den Beginn ungesteuerter Zuwanderung, die bis heute anhält.

Wahlkampfveranstaltungen (aller Parteien!) sind nun mal davon geprägt, dass zugespitzt, auch mal überspitzt wird. Reden werden nicht mit dem in Tinte getauchten Florett geschrieben, sondern mit dem Säbel, gelegentlich auch mit dem Beidhänder. Eine Zuhörerin meinte denn auch, es habe ein wenig der Geist von Franz Josef Strauß im Raum geschwebt. Ja, ausgeteilt und eingeschenkt wurde kräftig. Dass die AfD ihre „Zugpferde“ im Bund ausgerechnet hierher entsendet (einige kommen noch), verwundert nicht. Viele Wähler im Landkreis und drumherum sind mitnichten blau, eher seit 2015 sehr ernüchtert. Die jüngsten Wahlergebnisse lassen grüßen.

PS: Zu denken gibt mir, dass heute unentwegt mein Handy klingelte. Die Anrufer wollten wissen, wie die Veranstaltung gestern denn gewesen sei. Sie hatten sich nicht getraut, dabei zu sein. Angesichts der jungen und jüngeren deutschen Geschichte sollte das zu denken geben. Je lauter diejenigen ausgegrenzt werden, die gestern in Wöhlsdorf waren, umso blauer könnte das „Wunder“ werden, das den Ausgrenzern am 27. Oktober widerfahren könnte. Denn ausgerechnet die Partei des Alten aus Rhöndorf hat einen seiner wichtigsten Sätze nicht mehr beherzigt: „Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind, andere gibt’s nicht.“ Wobei ich mir nicht sicher bin, ob der nicht auch in seinem Grabe sagt: „Merkel muss weg.“
Andreas Kühn