Allgemein Ansichten Debatte

Lokalpatriotismus – eine Form der sozialen Identität

„(…) ein Volk, das seine eigene Geschichte nicht kennt, (ist) auf die Gegenwart der jetzt lebenden Generation beschränkt: daher versteht es sich selbst und seine eigene Gegenwart nicht; weil es sie nicht auf eine Vergangenheit zu beziehen und nicht aus dieser zu erklären vermag; noch weniger kann es die Zukunft antizipieren. Erst durch die Geschichte wird ein Volk sich seiner vollständig bewusst. Demnach ist die Geschichte als das vernünftige Selbstbewusstsein des menschlichen Geschlechtes anzusehen (…)“

Arthur Schopenhauer („Die Welt als Wille und Vorstellung“)

Von Dr. Dieter Scheidig – Ich habe ein gerüttelt Maß Lokalpatriotismus! Dies übrigens zuvörderst, vor allen kommenden Zeilen der Erklärung und des gleichzeitigen Haders mit diesem Begriffe.

Heimat und Heimatempfinden ist eine zutiefst individuelle Sache. Jeder findet seine Heimatstadt schön! Goethe sagte in seinen Gesprächen mit Eckermann einmal fast witzig, dass der Mensch sich nur in der Land-Gegend seiner Geburt wohlfühlt, nur in und mit dieser habe er ein Ordnungs- und Wohl-Gefühl. Das ist mir zu subjektiv! Landschaftliche und bauliche Schönheit haben objektive Kriterien:

In unserem Heimatland Thüringen ist es in vielen Hofstädten für den sensiblen Betrachter abseits von marktschreierisch gepriesenen „Geschichtslandschaften“ möglich, sich in einstige Residenzherrlichkeit hinein zu träumen. Aber in keiner wohl so schön wie in Rudolstadt!

Rudolstadt als Fluss-Stadt: Am sogenannten Saale-Knie liegend (und damit seit jeher auf der TV-Wetterkarte optisch sofort präsent) ist Rudolstadt leichter findbar als beispielsweise Quackenbrück, Werne oder Bad Salzufflen. Es ist übrigens auch schöner!

Rudolstadt als naturnahe Stadt! Von fast jeder Stelle der Innenstadt sehe ich den erlösenden Wald! Erlebe das mal in Leipzig oder gar Berlin. Nicht das ich besonders naturversessen oder waldwild wäre – aber ich kann den Wald, dichten Laub- oder Nadelwald von der City (ja, Rudolstadt hat tatsächlich eine solche) in Viertelstundenfrist erreichen. Wenn ich denn will. Rudolstadt als Burgenstadt! Was wäre die Stadtlandschaft ohne das überdimensional große Schloss, welches alles überragt?

Rudolstadt als einstige Hof- und Residenzstadt der Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt! Unsere Stadt stellte vom endigenden 16. Jahrhundert bis zum Ende der Monarchie in Deutschland einen funktionierenden Residenzstadtorganismus dar. Dieser ist heute noch dinglich erfassbar. Eng schmiegen sich die Häuser an die steilen Wege der Schlossaufgänge, einst Wohnungen der Hofbediensteten enthaltend.

Rudolstadt als Weinbau-Ort! Noch heute kündet der Straßenname Weinbergstraße von einstiger Rebstock-Normalität. Rudolstadt ist wunderbar! Ja! Ich habe ein gerüttelt Maß Lokalpatriotismus! Vernünftiger Lokalpatriotismus wird von traditionellen Überlieferungen und menschlichem Wissen getragen und vermittelt den Trägern ein wichtiges Kontinuitätsgefühl und Identität. Da wir letztlich sozialpsychologisch noch ganz der Jäger und Sammlergemeinschaft der Steinzeit angehören, sind diese Begriffe der Kontinuität von Gegend und Ablauf von Dingen und Identität mit der Gruppe, mit der wir leben und jagen, völlig unverzichtbar zum zumindest Viertel-Glücklichsein!

Ist Lokalpatriotismus eine Form der sozialen Identität? Ganz sicher! Es ist ein geistiger Katalogisierungsprozess, der uns unsere Umwelt handhabbarer machen soll. Er bezieht sich nicht nur auf Städte (Mei Rudelschdadt!) und Gegenden (Ich bin Thüringer!), sondern eben auch auf Personen-Gruppen:

Woran soll es sonst liegen, dass ich mich irrsinnig freue, wenn ich, beispielsweise in Vilnius oder gar Sofia weilend, überraschend Rudolstädter Mitmenschen treffe, die ich in der Heimat hingegen noch nie sah. Allein der abstrakte Begriff „Rudolstadt“ reicht für eine positive Gefühlsaffektion aus. Ich fasse also diese fremde Person und mich unter dem Aspekt der identischen Ortsherkunft als zusammengehörig auf und favorisiere diese emotional!

Ist nun Lokalpatriotismus ein Affekt? Eine Gemütserregung? Nicht durch kognitive Prozesse bestimmt? Ja! Und nein! Wir werden das mittels eines fiktionalen Gedankens zu klären versuchen:

Wie relativ natürlich Lokalpatriotismus als soziale Identität ist, soll uns folgendes Experiment zeigen: Was wäre, wenn ich an diesem kalten Dezembertag 1965 nicht in meinem Rudolstadt geboren wäre, sondern in Bad Salzufflen, Quackenbrück oder meinethalben Werne? Bin ich aber nicht!

Deswegen nun bin ich Rudolstädter Lokalpatriot geworden!