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Kommentar: Wähler & Nichtwähler

Kein Zufall, dass vor 14 Tagen und auch in den heutigen Stichwahlen so mancher Amtsinhaber und Fachmann für Gedöns abgewirtschaftet hatte. Der Amtsinhaber-Bonus verfing oftmals nicht. Bestes Beispiel: Jena. Der sozialdemokratische Amtsinhaber wurde vom FDP Kandidaten Dr. Thomas Nitzsche mit einem desaströsen Ergebnis in die Wüste geschickt. Jan Schönfeld (Freie Wähler Kahla) verfrachtete in Kahla die linke Amtsinhaberin an den Katzentisch. Blamabel muss man das Ergebnis der linken Amtsinhaberin in Altenburg nennen. Landrätin Michaele Sojka wurde von ihrem CDU-Kontrahenten Uwe Melzer mit 29,2 Prozent förmlich versenkt. In Schleiz passierte, was sich bereits zwei Wochen zuvor abzeichnet hatte: Der SPD-Amtsinhaber flog achtkantig aus dem Rathaus. Auch in Eisenberg wurde das Skandal-Kapitel SPD-Bürgermeister endgültig geschlossen.

Und es wurde ferner deutlich, dass die Parteien im Kommunalen immer weniger punkten können. Nicht jeder Vertreter von CDU, SPD oder Linken war eine Bank. In Kaulsdorf verwies die parteilose Kerstin Barczus den CDU-Kandidaten in die Schranken. In Bad Blankenburg sorgte der Bewerber der Freien Wähler dafür, dass keine linke Familiendynastie Persike entstehen konnte.

Die Wahlbeteiligung war (wie so oft bei Stichwahlen) zum Teil unterirdisch niedrig. (Zu) viele Wähler wollten sich – nachdem ihr Favorit im ersten Wahlgang ausgeschieden war – für kein „kleineres Übel“ entscheiden. Bürgermeister, Landräte oder OB bekamen sie trotzdem. Die Nichtwähler haben gestern nicht gewonnen, obwohl sie die überragende Mehrheit hatten.

Nach der Wahl ist vor der Wahl. Viele Gewählte und nicht wenige Unterlegene wird man 2019 bei den Kommunal- und Landtagswahlen auf den Stimmzetteln wiedersehen. Ein Jahr lang ist für die neuen Amtsinhaber nun Zeit, auf die Unentschlossenen zuzugehen, die sich weder abholen noch mitnehmen lassen (wollen). Die Neuen werden daran gemessen, ob sie in den nächsten Jahren das tun, was sie vor der Wahl gesagt haben. Das wird umso schwerer als vielerorts die Kassen leer sind.

Die Wahl-Loser haben in sechs Jahren erneut ihre Chance. Gelegentlich müssen sich die sie tragenden Parteien bis dahin die Frage stellen, ob sie 2018 das richtige Pferd ins Rennen schickten. Marion Walsmann (CDU) war auf jeden Fall in Erfurt für die Wähler nicht gut genug, einen grottenschlechten SPD-OB nach zwölf Jahren aus dem Amt zu jagen.

Andreas Kühn