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Karl May aus dem Hohl-„Spiegel“

Nicht einmal drei Wochen ist es her, dass ein gewisser Claas Relotuis ins Rampenlicht rückte, weil er zum wiederholten Male nach Meinung einer Jury wieder die beste Reportage des Jahres geschrieben hat. Über einen syrischen Jungen. Sein Text wird in der Laudatio als „von beispielloser Leichtigkeit, Dichte und Relevanz, der nie offenlässt, auf welchen Quellen er basiert“ gewürdigt. Spätestens seit gestern weiß die Öffentlichkeit, dass das vermeintlich beste Pferd im Stall des „Spiegel“ nicht nur einmal im Trüben fischte. Er schrieb nicht schön, er war Weltmeister im Schönschreiben von Unwahrheiten. Literarisch womöglich ein Dichterfürst, als Reporter ein Kaiser der geistig Undichten. Für „Reportagen“ und zeitweiligen Ruhm opferte Relotius alles, was Journalisten gemeinhin heilig sein sollte. Der 33-Jährige ist kein Opfer, sondern Täter.

Claas Relotius war der Dealer, der die moralinsüchtige Chefredaktion des SPIEGEL mit hochreinem Stoff versorgen konnte. Er wusste, dass sie ab 2015 ihre Dosis brauchten. Und er kannte offenbar den Satz aller begabten Händler: „Ich hab genau das Zeug, das du brauchst.“
Alexander Wendt

Der „Spiegel“-Reporter wurde einst auch anderswo als Edelfeder geschätzt: Er schrieb u. a. auch für die „Neue Züricher Zeitung am Sonntag“, „Cicero“, die „Financial Times Deutschland“, „taz“, „Die Welt“, das SZ-Magazin, „Zeit online“ und die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“. Es steht die Frage im Raum, ob der hochgelobte Autor auch anderswo im Trüben fischte.

So weit die bisherigen Fakten. Seit Bekanntwerden der Fake-Reportagen ergossen sich Hektoliter Häme und Spott nicht nur über den „Spiegel“ im Besonderen, sondern über Journalisten im Allgemeinen. Claas Relotius hat mit seinen Lügen dafür gesorgt, dass die ohnehin im Sinkflug befindlichen wichtigsten beiden Währungen des Journalismus – Wahrhaftigkeit und Vertrauen – lange Zeit im freien Fall sein werden.

Der gesunde Menschenverstand gebietet es, dass die Branche aufmerksam, demütig und schonungslos der Frage nachgeht, ob der Fall Relotius einzigartig ist, oder ob da noch mehr schlummert unter der Oberfläche des Qualitätsjournalismus. Propagandaunternehmen und Pseudo-Aufklärungsportale von rechts bis links, die auf den Unterschied zwischen Nachricht und Meinung, zwischen Fakt und Narrativ pfeifen, gehören inzwischen ohnehin zum real existierenden Medienmix. Gerade in so einer Zeit muss die Grenze zwischen Literatur und Journalismus nicht dünner, sondern breiter werden.
Jan-Philipp Hein

Vielen, die es nachweislich in den sozialen Medien selten mit der Wahrheit genau nehmen, hat ein dreister und selbstgefälliger „Spiegel“-Reporter nun Steilvorlagen geliefert. Der aktuelle Fall betrifft nicht nur den „Spiegel“, er betrifft jeden Journalisten! Vor allem aber diejenigen, die jederzeit bereit stehen, sich mit „guten Sachen“ gemein zu machen, „Haltung“ zu zeigen! Denen dabei egal ist, ob die Wahrheit auf der Strecke bleibt. Auch in der Nach-Relotius-Zeit werden es diejenigen schwer haben, die sich nicht an „Haltung“, sondern an der Realiät orientieren.

Ich widerspreche dem „Spiegel“ dahingehend entschieden, dass Claas Relotius auch ein bedauernswerter Kollege ist.
„Aber wir sehen in Claas Relotius nicht einen Feind, sondern einen von uns, der mental in Not geraten ist und dann zu den falschen, grundfalschen Mitteln griff. Er hat auch unser Mitgefühl. Er hat betrogen, wir haben uns betrügen lassen, die Chefredaktion, die zuständige Ressortleitung und Dokumentation. Wir waren immer stolz auf unser System der vielen Absicherungen, dass die Texte von so vielen Augen gelesen werden.“

Leider ist Relotius nicht nur ein (unstrittig genialer) Märchenerzähler, sondern vor allem ein Schmutzfink. Was ins gutmenschliche Weltbild nicht passte, wurde passend gemacht. Und seine Chefs und Kollegen beim „Spiegel“ haben ihm geglaubt. Weil sie glauben wollten. Der viel geschmähte Schmuddeljournalismus wurde von Relotius auf die literarische Ebene gehoben. Karl May hätte geklatscht. Rudolf Augstein („Sagen, was ist“) rotiert derweil im Grabe. Sein „Sturmgeschütz der Demokratie“ wurde von Relotius beerdigt. Denn was Relotius lieferte, war genau das Erwartete. Auch wenn es nicht audrücklich bestellt worden ist.

Der Imageschaden, den der „Starreporter“ dem „Spiegel“ zufügte, wird in die Millionen gehen. Das wird das Haus irgendwie überstehen. Aber viele Journalisten anderswo werden es womöglich nicht überstehen, dass man ihnen massenhaft das Vertrauen entziehen wird. Dass Leser ihnen nicht mehr abnehmen, dass sie im Sinne von „Focus“-Gründer Helmut Markwort an „Fakten, Fakten, Fakten“ und an ihre Leser denken. Einst titelte der „Spiegel“: „Bedingt abwehrbereit“. Jetzt ist er nur bedingt recherchebereit.

Es würde mich nicht wundern, wenn nun „Haltungsjournalisten“ wie Anja Reschke oder Georg Restle plötzlich auf einen der ihren mit Fingern zeigen. Dem einst gelobten, aber inzwischen als Grapscher abgeurteilten „Flüchtlings“-Blogger Aras Bacho wurde der Liebes-Teppich auch rasch weggezogen. Leider fürchte ich, dass auch ohne Claas Relotius der nächste Dichterfürst mit „Haltung“ nicht mehr fern ist, wenn die Wogen sich wieder geglättet haben. Relotius‘ Brüder & Schwestern im Geiste werden sich weiter ihre Welt passend schönschreiben. Das ist bitter. Für Journalisten und Medienkonsumenten gleichermaßen.

Ein Relotius-Fake sollte selbst „Haltungs“-Journalisten munter machen. Der Lügenbaron aus Hamburg schreckte nicht einmal davor zurück, der letzten Überlebenden der „Weißen Rose“ frei erfundene Zitate in den Mund zu legen.

Bereits im Vorspann schrieb Relotius: „Manchmal, im Traum, erscheint ihnen Angela Merkel.“ Spätestens da hätten bei seinen „Spiegel“-Kollegen die Alarmglocken schellen müssen. Mehr als ein bisschen Lyrik zuviel.
Schlussbemerkung: Die Jury des Ulrich-Wickert-Preises hat Relotius umgehend den Peter Scholl-Latour Preis 2018 aberkannt. Prämiert wurde Relotius für seine Reportage „Löwenjungen“, die zum Teil gefälscht ist.
Die Bischofskonferenz hatte Relotius 2017 den mit 5 .000 Euro dotierten Katholischen Medienpreis in der Kategorie „Printmedien“ für seine „Spiegel“-Reportage „Königskinder“ über ein syrisches Geschwisterpaar verliehen. Die Kirche will noch abwarten, ob sie Relotius den von ihr vergebenen Medienpreis wieder entzieht. „Königskinder“ hatte 2017 auch den Europäischen Pressepreis erhalten. Berichten zufolge soll Relotius heute alle seine Preise zurückgegeben haben.

Es gibt leider Grund zu der Annahme, dass Claas Relotius noch viele Jahre weiter gedichtet hätte, wenn nicht ein aufrechter „Spiegel“-Kollege namens Juan Moreno der Wahrheit verpflichtet gewesen wäre. Lange glaubte ihm niemand. Ich wünsche Moreno sehr, dass er nicht als „Nestbeschmutzer“ und Überbringer der schlechten Nachricht nach einer Schamfrist „gelyncht“ wird. Denn leider gibt es nichts mehr, das ich „Haltungs“-Journalisten nicht zutraue. Die Wahrheit ist stets singulär. Sie braucht keine „Haltung“! Es genügt vollkommen, zu „sagen, was ist“!
Andreas Kühn

Was „Der Spiegel“ dokumentiert hat.