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Homo moralis superior

(Gastbeitrag von Udo Kellmann) Ich habe immer öfter das Gefühl, in der politischen Auseinandersetzung geht es dieser Tage nicht mehr um die eigentlichen Inhalte. Es ist auch anscheinend egal, welche konkreten Pläne eine Partei oder ein Politiker verfolgt, und welche Ziele man damit am Ende erreichen will. Und am allerwenigsten geht es mittlerweile um diejenigen, für die der ganze „Zirkus“ eigentlich veranstaltet wird. Das sind die, denen der Reichstag ursprünglich mal gewidmet war, das „Deutsche Volk“.

Viele der Protagonisten erwecken den nachhaltigen Eindruck, dass es in erster Linie um die ureigensten persönlichen Interessen geht. Um den gut alimentierten Job, den eigenen „Machterhalt“ und den der Partei, und – vor allem – um die Selbstdarstellung als „politisch-korrekt“ und „moralisch über jeden Zweifel“ erhaben. Man geriert sich für die Galerie von Presse, Funk und Fernsehen als „homo moralis superior“.

Und am einfachsten kann man sich, sein Image und sein Ego dadurch erhöhen, in dem man den Anderen abwertet, ihn in den Dreck zieht, genauer gesagt in den „braunen“ Dreck. Früher hat man den politischen Gegner auch hart bekämpft. Man hat mit ihm gestritten, man hat ihn lächerlich gemacht, und man hat sich weiland auch mal handfeste Beleidigungen an den Kopf geworfen.

Heute macht man es sich da aber wesentlich einfacher. Man streitet nicht mehr in der Sache, sondern bezeichnet den politischen Gegner einfach als „nicht satisfaktionsfähig“. Man spricht ihm jeden Anstand, jede Moral und jeden Ethos ab. Teilweise nimmt man ihm sogar seine unveräußerliche Würde als Mensch. Ein „Parteifreund“ vom „linksextremen“ Rand der CDU gebrauchte in diesem Zusammenhang sogar den unsäglichen Begriff „Untermensch“.

Ja, auch ich habe in der Politik ein „Feindbild“. Das zieht sich von Katja Kipping über Kevin Kühnert, Annalena Baerbock bis hin zu Björn Höcke. Die „Problemfälle“ aus der Union lasszue ich mal diskret außen vor. Und trotzdem würde ich jedem einzelnen von diesen meinen Respekt erweisen, ihnen die Hand reichen, sie in mein Haus einladen und gemeinsam mit ihnen das Brot brechen. Weil wir alle Menschen sind, keiner besser und keiner schlechter.

Und ganz genau darum kotzt es mich an (pardon my french), wenn dem politischen Gegner dieser Handschlag verweigert wird. Es widert mich an, wenn selbstgerechte Künstler mit jeder Menge Gratismut gegen Menschen Stimmung machen, nur weil ihnen deren Meinung nicht passt. Wenn Gastwirte jemandem Speis und Trank verweigern, nur weil er einer ihnen nicht genehmen Partei angehört, dann ist das keinen Deut besser als die Schilder „Whites Only“ zu Zeiten der Rassentrennung in den USA.

Und wenn staatlich alimentierte „Journalisten“ nicht mehr unvoreingenommen berichten, sondern gleich vorgefertigte Meinungen unters Volk bringen, dann sind wir ganz genau da, wo Karl Marx uns schon weiland verortet hat: „Die herrschende Meinung ist immer die Meinung der Herrschenden.“