„Hass und Wut fallen nicht vom Himmel“

„Demokratie ist die einzige Herrschaftsform, die gelernt werden muss“.

In der Gesellschaft herrscht derzeit ein immenses Redebedürfnis. Die Antwort auf die Fülle angestauter Fragen könne nur sein: Dialog, Dialog, Dialog – und dabei keine Gesinnungsprüfungen machen. Sprach der vielleicht beste Diplomat, den Dresden in Sachen Zusammenhalt der Gesellschaft aufbieten kann. Frank Richter (55), Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, war gestern Abend zu Gast beim Lutherforum im Evangelischen Allianzhaus Bad Blankenburg. „Herrscht bei uns auch bald Bürgerkrieg? Über die Spaltung der Gesellschaft und was man dagegen tun kann“ lautete das brisante Thema. Unter den rund 40 Zuhörern auch bekannte Gesichter: Die ehemaligen Landräte Dr. Werner Thomas und Hartmut Holzhey sowie Bad Blankenburgs Bürgermeister Frank Persike.

„In der Demokratie hat jeder Idiot das Recht, auch mal mit vernünftigen Argumenten konfrontiert zu werden.“

Als Pegida-Versteher bezeichnet zu werden, so Richter, schmerze ihn nicht. Das Gegenteil wäre viel schmerzlicher – andere Menschen nicht verstehen zu wollen. Der Mensch sei „innerlich mehrsprachig“. Allerdings sei es sehr wohl schmerzlich, auf Bürgerversammlungen erfahren zu müssen, dass ein kleiner Teil von Menschen weder verstehen noch zuhören, sondern einfach nur stören wolle. Dieser harte Kern sei für An- und Aussprache nicht (mehr) erreichbar. „Dennoch mag ich es nicht, wenn versucht wird, der ‚Logik‘ der Ausgrenzung mit Ausgrenzung zu begegnen. Wir werben auch um die, die sich selbst ausgrenzen. Die Landeszentrale für politische Bildung will für alle da sein, wir grenzen niemanden aus. Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Rechtsgut. Da geziemt es sich nicht, andere Meinungen auszugrenzen. Erst wenn strafrechtlich relevante Äußerungen oder falsche Tatsachenbehauptungen ins Spiel kommen, muss eine Grenze gezogen werden.“

„Der Mensch ist nicht zum Brüllen gemacht, sondern zum Reden.“

Frank Richter wurde erstmals 1989  als Mitgründer der "Gruppe der 20" in Dresden bekannt. Nach dem Abitur war er Bausoldat, studierte in Erfurt und Neuzelle Theologie und wurde 1987 zum katholischen Priester geweiht.  Von 1994 bis 1996 war Richter Diözesanjugendseelsorger  und anschließend bis 2001 Pfarrer, später  Referent für Religion und Ethik. Im Jahr 2005 ließ er sich laisieren, um zu heiraten. Er wechselte zur Altkatholischen Kirche, für die er von 2006 bis 2007 als Pfarrer. Seit Februar 2009 ist Richter Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung.
Frank Richter wurde erstmals 1989 als Mitgründer der „Gruppe der 20“ in Dresden bekannt. Nach dem Abitur war er Bausoldat, studierte in Erfurt und Neuzelle Theologie und wurde 1987 zum katholischen Priester geweiht. Von 1994 bis 1996 war Richter Diözesanjugendseelsorger und anschließend bis 2001 Pfarrer, später Referent für Religion und Ethik. Im Jahr 2005 ließ er sich laisieren, um zu heiraten. Er wechselte zur Altkatholischen Kirche, für die er von 2006 bis 2007 als Pfarrer arbeitete. Seit Februar 2009 ist Richter Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Er lebt in Dresden, der nach eigenem Bekunden „Kulturstadt mit dem höchsten Tellerrand“.
Frank Richter plädierte leidenschaftlich für eine politische Kultur, die er selbst meisterlich beherrscht: Zuhören können und zuhören (wieder) lernen. Die mangelnde Fehlerkultur störe ihn sehr. „Ich habe gelernt, dem Augenschein nicht zu trauen. Vieles, was derzeit nach außen getragen wird, ist nicht ursächlich für Frust und Bitterkeit. Der Wahrheit kommt man nur durch Verständnis für andere auf, nicht dadurch, vermeintliche eigene Wahrheiten zu zementieren.“
Hass und Wut, so Frank Richter, fielen nicht vom Himmel. Vielmehr resultierten sie aus einem Gefühl der Ohnmacht gegen „die da oben“. „Menschen haben selbst keine Solidarität erfahren und sollen nun solidarisch sein.“ Hier herrsche Erklärungsbedarf. Da seien einerseits Menschen, die flüchten, weil sie ihre Heimat verloren haben. Und andererseits Menschen, die befürchten, dass sie selbst ihre Heimat verlieren. Die Wahrnehmung der Bürger habe sich verändert: „Politik spielt sich für viele in TV-Talkrunden mit den immer gleichen Teilnehmern ab. Politik aber gehört nicht ins Unterhaltungsprogamm, sondern in die Parlamente.“ Statt im Fernsehen möchte der Bürger Politiker vor Ort im „Feuer stehen“ sehen. Richters Fazit: „Der Soft-Politiker ist out.“
Es brauche einen Klärungsprozess, sagte Richter. Er halte nichts von Weltuntergangsstimmung, weil in Dresden demonstriert werde oder weil die AfD Wahlerfolge feiere. „Das hält unsere Ordnung allemal aus.“ Er sei und bleibe optmistisch und würde jederzeit (frei nach Luther) ein Bäumchen pflanzen. „Nur Politiker sollten wir keine Bäumchen pflanzen lassen!“ Für Politiker solle gelten: „Nicht lavieren, nicht delegieren, sondern handeln.“ Wer dies tue, habe auch Erfolg.
Richter plädierte dafür, „barmherzig mit sich selbst zu sein“. Irrtümer einzugestehen sei ebenso nötig wie Fragen offen zu lassen. „Viele Ängste werden bleiben, das muss man aushalten.“ Zynismus, so der „Pegida-Versteher“, fördere nicht die Lebensqualität. Oftmals basiere Ungerechtigkeit auf Selbstgerechtigkeit.
Den lauten und schrillen Tönen müssten stets leisere entgegengesetzt werden. Der Mensch sei nicht zum Brüllen, sondern zum Reden gemacht. Richter sprach ich für „konzentrierte Kreise“ bei Gesprächen aus. Wer mit anderen ins Gespräch kommen wolle, dürfe die Konfrontation nicht bereits in der Sitzordnung anlegen. „Worte von einem Podium herab wirken anders als wenn man sie sich gegenseitig ins Gesicht sagen muss. Ein Mikrofon kann zur Waffe werden, darf es aber nicht.“

„Man darf seine eigenen Fehler zugeben.
Man darf auch mit sich selbst barmherzig sein.“

Frank Richter wies darauf hin, dass seine Aufgabe nicht Politik, sondern politische Bildung sei. Wer Politiker als von ihm bezahlte Angestellte benennen, habe das politische System missverstanden. „Der Wähler entsendet mit seiner Stimme Vertreter, die nach eigenem Wissen und Gewissen um beste Lösungen ringen sollten. Dabei kann schon auch eine Entscheidung herauskommen, die dem Wähler nicht gefällt. Aber es gibt eben kein imperatives, sondern ein freies Mandat in der repräsentativen Demokratie.“
„Zeiten der Ratlosigkeit, der Orientierungslosigkeit, der Hilflosigkeit sind Zeiten des Gebets und manchmal auch die Zeit, um zu schweigen“, sagte Frank Richter. Offen Fragen seien allen zuzugestehen, auch Politikern. Schnell und einfache Lösungen seien nicht immer die besten. Was Jesus zu den derzeitigen Problemen wohl gesagt hätte, könne nicht nur vage gemutmaßt werden, so Richter. Aber er sei sich ziemlich sicher, dass auch er nicht alle Antworten parat gehabt hätte. „Vielleicht wäre Jesus für 40 Jahre in die Wüste gegangen, hoffend, dass bei seiner Rückkehr alle Probleme gelöst sind.“
Der Gesprächsabend wurde von Johannes Beleites moderiert und von Andreas Heise (Klavier) und Markus Gannott (Violine) musikalisch begleitet.
Foto oben: Frank Richter (links) mit Moderator Johannes Beleites. Foto: Hendrik Püschel