Allgemein Politik Thüringen

GdP-Chef Christ: Es gibt viel zu tun, den Polizistenberuf attraktiver zu machen

Frage: Wo sieht die GdP in Thüringen den “Königsweg”, die Polizei schnellstmöglich auf den Personalbestand zu bringen, der aktuellen und künftigen Erfordernissen genügt? 

Kai Christ: Das Hauptproblem derzeit besteht darin, zu mehr als den bisher geplanten Einstellungen zu kommen, um überhaupt den Personalbestand halten zu können! 200 neue Polizisten in 2017 und 2018 genügen da bei weitem nicht. Es werden im nächsten Jahrzehnt deutlich mehr Thüringer Polizisten in Pension gehen.

Frage: Nur in Meiningen werden Polizisten ausgebildet. Kann dort überhaupt geleistet werden, was für die Zukunft nötig wäre?

Kai Christ: Für ein Mehr an Ausbildung müsste sich dort einiges tun. Das betrifft Unterkünfte und Schulungsräume einerseits und den Bedarf an Ausbildern andererseits. Wenn dort geleistet werden soll, was zukunftsfähig ist, muss zuvor materiell und personell einiges passieren. Für die notwendige zahlenmäßige Ausbildung ist Meiningen derzeit nicht gerüstet. Hier besteht dringender Handlungsbedarf

Frage: Ist die Polizei als Arbeitgeber überhaupt attraktiv genug für junge Menschen?

Kai Christ: Wir erleben seit Jahren ein Auf und Ab. Potenzielle Bewerber, die wir gern in den Reihen der Polizei sehen würden, können momentan aus einer Vielzahl ungleich attraktiverer Angebote der Wirtschaft wählen. Da ist es schwer, mit einem Beruf zu werben, der neben einer Vielzahl von Überstunden noch weitere Unannehmlichkeiten mit sich bringt. Wer als Bewerber aufs Geld schaut, wird dann lieber in Hessen Polizist.
Es ist unterirdisch, dass “alte Hasen” im mittleren Dienst mit einer Gehaltsgruppe A7, bestenfalls A8, in Pension gehen! Bundesweit liegt Thüringen bei den Ländern, die noch Polizeibeamte im mittleren Dienst haben, weit vorn. Nicht unbedingt Werbung für unseren Beruf. Hinzu kommt, dass in immer stärkerem Maße der Respekt gegenüber der Polizei abhanden gekommen ist.

Frage: Gespräche landauf und landab genügen, um festzustellen, dass die Motivation vieler Polizisten (vor allem derer, die tagtäglich im Streifenwagen sitzen), im Sinkflug ist. Was müsste Ihrer Meinung nach geschehen, um da wieder zu einstigen “Höhenflügen” zu kommen?

Kai Christ: Wie bereits gesagt, sind die Aufstiegsmöglichkeiten sehr begrenzt. Für mich ist es seine Schande, dass Polizeibeamte, die weder goldenen Löffel klauen noch unrechtmäßig jemanden auf der Straße erschießen, nicht wenigstens zwei Mal in ihrem Leben befördert werden. Hier ist die Landesregierung mehr als gefordert.
Von unmotivierten Beamten möchte ich nicht sprechen. Von vielen, die ausgepowert sind, schon eher. Zum Glück machen die Thüringer Polizisten aber nicht Dienst nach Vorschrift. Ich kann nur immer wiederholen: Eine zeitgemäße personelle und materielle Ausstattung der Polizei ist das A und O.

Kai Christ ist am kommenden Mittwoch, 26. Juli, in Saalfeld zu Gast bei „Talk im Prinz“ („Hacienda Mexicana“, Wöhlsdorf 1). Ein ebenso aktuelles wie brisantes Thema: „Was kommt nach Hamburg?“ Es moderiert Hendrik Püschel, anschließend Diskussion. Einlass ab 18 Uhr, Beginn um 18:30 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Frage: Immer mehr Gewalttaten richten sich direkt gegen Polizisten in Deutschland. Worin sehen Sie die Ursachen für die wachsende Gewalt? Macht die Politik genug, um der Polizei den Rücken zu stärken?

Kai Christ: Gewalt, nicht nur gegen Polizisten, ist leider ein gesellschaftliches Problem geworden. Zu viele haben vergessen, in wessen Händen das Gewaltmonopol liegt. Der Schutz durch die Uniform, der durch den gesellschaftlichen Konsens über die Autorität der Polizei entstand, ist immer öfter dahin. Es kann und darf aber nicht sein, dass ausgerechnet das Uniformtragen zu einem erhöhten Risiko führt, Opfer einer Straftat zu werden. Die Prävention muss zu einem Anliegen aller werden und muss zeitig beginnen, sowohl in der Familie als auch in der Schule. Denn T-Shirts mit einer “ACAB”-Aufschrift sind weder zeitgemäß noch witzig.

Ihre Kollegen nehmen Straftäter fest, treffen diese aber kurze Zeit danach auf freiem Fuß? Ihre Forderungen an die Justiz?

Kai Christ: Es gibt eine Vielzahl von Straftaten, die ohne Vorliegen von Haftgründen dazu führen, dass Täter bis zum Prozess auf freiem Fuß bleiben. Das mag ärgerlich, zuweilen auch unverständlich sein – aber es ist geltendes Recht. Damit müssen die Kollegen leben, auch wenn sie gelegentlich heulen könnten vor Wut.
Schwieriger wird es für Polizisten, wenn z. B. für Fahren ohne Führerschein eine Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr möglich ist, Straftäter aber auch nach der x-ten Tat noch immer auf freiem Fuße sind. Hier ist die Justiz definitiv gefordert, Strafrahmen auch auszuschöpfen. Damit würde sich auch der Ruf nach härteren Gesetzen erledigen.

Kai Christ (46) ist seit 2014 Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Thüringen.