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Gastkommentar: Das Ende des Privaten?

Fußball-Fans unter Ihnen, liebe Leser, werden sich vage erinnern können. ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein rutschte 2010 raus: „Und für Miroslav Klose: ein innerer Reichsparteitag …“ Bereits damals schlugen die Wogen der „Empörung“ hoch.

Seit einem halben Jahrzehnt muss sich jeder, dem „Zigeunerschnitzel“, „Mohrenkopf“ oder „Negerkuss“ über die Lippen kommt, mit Rassismus-Vorwürfen auseinandersetzen und der Nazi-Keule ausweichen.

Was dem FDP-Politiker Rainer Brüderle 2013 medial widerfuhr, empfinde ich noch immer als widerlich. Ich fragte mich bereits damals, liebe Leserinnen: Was ist so schwer, Männern mit anzüglichen Bemerkungen mit den Waffen einer Frau zu begegnen? Braucht es einen #Aufschrei, wo Charme, Wortwitz und Schlagfertigkeit vollauf genügen? Dem Ratschlag von Birgit Kelle zu folgen, ist eine weitere Möglichkeit: „Dann mach doch die Bluse zu!“

Der notwendige Aufschrei als Steuer-CDs vom Staat angekauft wurden, blieb aus. Früher galt der gute Grundsatz, dass der Hehler nicht besser ist als der Stehler. Plötzlich heiligt der Zweck die Mittel.

Jetzt lese ich fast täglich vom Strache-Skandal. Die Frage, die sich mir stellt, lautet: Was so beginnt, führt wohin? Die Äußerungen des Herrn sind unstrittig inakzeptabel: Die Methoden, das öffentlich zu machen, sind es leider auch. Wo führt es hin, wenn das, was im „Großen“ zum gewünschten Ergebnis geführt hat, auch im „Kleinen“ Schule macht? Was wäre übrigens gewesen, wenn man auf Ibiza einen SPD- oder Grünen-Politiker abgehört hätte. Versuch einer Antwort.

Juristen haben treffend festgestellt: Der demokratische Rechtsstaat wird unglaubwürdig, wenn man seine Gesetze brechen darf, nur um womöglich stattgefundene Gesetzesbrüche in anderen Staaten aufzudecken.

Müssen sich hauptberufliche Politiker künftig abhörsichere Räume zulegen, um ein privates Gespräch zu führen? Soll künftig jeder lokale Ehrenamtler private Gemächer nur noch dann betreten, wenn sie zuvor auf Wanzen gescannt wurden? Muss jeder, der bei einem nicht „stubenreinen“ Witz nicht zur Salzsäure erstarrt und sogleich Empörung heuchelt, künftig mit medialer Hinrichtung rechnen? Es wäre das Ende des Privaten, der Tod von Vertrauen!
Gerlinde G.