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„Die Showbühne als Schafott“

Katrin Huß Foto: MDR / Axel Berger
Der Überraschungsgast bei „MMM – Was bin ich?“ wurde gestern im Theater Rudolstadt böse überrascht. Intendant Steffen Mensching bescherte dem einstigen MDR-Publikumsliebling Katrin Huß („Hier ab vier“) einen wahrlich unvergesslichen Abend.
„Ein Vorgespräch hatte es nicht gegeben“, erzählt Katrin Huß. „Also freute ich mich auf einen unterhaltsamen Auftritt, bei dem ich auch singen sollte.“ Huß betrat als Letzte die Bühne. „Es dauerte keine drei Minuten, da posaunte Mensching meinen Namen aus. Totenstille im Saal, das Rateteam nahm grinsend die Masken ab, die Assistentin drückte mir zehn Rosen und eine Flasche Wein in die Hand. Die Show war dahin. Inzwischen frage ich mich, ob ich zu diesem Zeitpunkt nicht besser hätte gehen sollen.“
Katrin Huß: „Die eigentliche ‚Überraschung‘ begann erst jetzt und war kein Schauspiel mehr. Zuerst wurde ich lapidar nach meinem Geburtsort und meinem Studium gefragt, plauderte über meine Zeit bei Radio und TV und dann kam natürlich die Frage nach meinem Ausstieg beim MDR. Ich betonte, dass ich das Thema nicht zu ausführlich besprechen möchte, da sonst der Abend nicht mehr fröhlich wäre. Doch Steffen Mensching ließ nicht locker, machte aus dem bisher heiteren Abend einen politischen Schlagabtausch. Ich sollte vor allem zur Sendung mit Dr. Joachim Maaz vor drei Jahren Stellung beziehen, in der es um die Flüchtlingsproblematik in Deutschland ging.“
Katrin Huß sagte uns auf Nachfrage, dass sie sich nie als politische Journalistin, sondern lediglich als Moderatorin gesehen habe. „Politik war nie meine Baustelle.“ Mensching habe da weitergemacht, wo einst die MDR-Oberen aufgehört haben. Sie habe ein Déjà-vu erlebt und glaubte, noch einmal ihren ehemaligen Chefs gegenüber zu sitzen und sich verteidigen zu müssen. Huß: „Wofür eigentlich? Die Wahrheit?“ Sie habe stets deutlich gemacht, dass sie sich nicht vereinnahmen lasse.
Die ersten Zuschauer verließen den Saal: Andere riefen, sie möchten lieber wissen, was die einstige Moderatorin mache. „Mensching hatte sich jedoch am Thema festgebissen und bohrte weiter, legte mir Wörter wie ‚Lügenpresse‘ und ‚Überfremdung‘ in den Mund, die ich selbst nie gesagt habe“, so Katrin Huß.
„Wollte mich da jemand in die neurechte-Ecke stellen? Und wenn ja, warum? War das eine konzertierte Aktion? Welchen Trigger-Point habe ich da bei Mensching gedrückt?“ Fragen, die Katrin Huß auch fast 24 Stunden später noch immer durch den Kopf gehen.
„Unglaublich: Die Show wurde beendet, ohne dass ich singen durfte, die Zuschauer wurden nach Hause geschickt.“ Nach der Vorstellung habe sie sich von Mensching anhören müssen, sie habe doch die DDR gar nicht miterlebt. „Da wurde mir klar: Der Intendant hatte sich vorab keinen Deut mit mir beschäftigt, geschweige denn mein Buch gelesen. Oder wenigstens auf mein Geburtsjahr geschaut. Sonst hätte er andere Fragen gestellt.“
Wir haben Steffen Mensching um ein Statement seinerseits gebeten – Fehlanzeige.

Das meinen Zuschauer des gestrigen Abends:

Was heute bei MMM passiert ist, erschüttert mich zutiefst. Ich (und sicher auch einige andere Gäste) bin sprachlos. Jeder hat eine Meinung zu bestimmten Themen. Und ja, man darf und soll sie auch äußern. Jedoch ist ein solcher Abend keine Bühne für eine solch eine persönliche Meinungsäußerung, wie heute durch den Intendanten. Es war gegenüber Frau Huß nicht nur unprofessionell und unhöflich, sondern schon anfeindend. Auch das Publikum wurde (in einem nicht unerheblichen Prozentsatz) denunziert. Ich bin sprachlos!

Vielleicht war es ja auch geplant und der Herr Mensching will nicht mehr in Rudolstadt sein. Das war echt krass!

Ich bin Jahrgang 1978. Gestern fühlte ich mich in eine düstere Zeit vor 1989 zurückversetzt, wie sie meine Eltern mir beschrieben.

Herr Mensching hat heute mit seiner linken Einstellung mehr oder weniger dafür gesorgt, dass die Veranstaltung abgebrochen wurde.

Der Intendant wollte einen Gast zum Schafott führen. Nur gut, dass ihm das Publikum dafür den Applaus verweigerte.

Gestern wurde nicht „Die Richtstatt“ (Anm.: Roman von Tschingis Aitmatow) gegeben, sondern „Die Richtstätte“ (für Huß).

Wer hat je im Theater hören müssen, „wer das nicht hören will, soll Zuhause bleiben?“ Die Vorstellung des Intendanten war unsäglich! Weiß der eigentlich, wer ihn bezahlt?

Katrin Huß gehörte zu den Publikumslieblingen im MDR-Fernsehen. An der Universität Leipzig studierte sie Journalistik und Sport. Mehr als zwanzig Jahre lang arbeitete sie bei Funk und Fernsehen, unter anderem für das MDR-Nachmittagsmagazin „Hier ab vier“, später „MDR um 4“.
Sie interviewte rund 2.000 Gäste aus allen Lebensbereichen, bereiste als Reporterin die Welt, berichtete über ihren ersten Marathon in New York, über ihre Besteigung des Kilimandscharo in Afrika und über ihr Himalaya-Abenteuer, den Weg zum Mount Everest in Nepal. Ehrlichkeit, Respekt und Wertschätzung fehlten ihr in der „Sende-Anstalt“. Sie zog die Konsequenzen. Heute führt sie erfolgreich ihre eigene Yogaschule. Katrin Huß erzählt im Buch Geschichten aus ihrem Leben, sagt ihren Zuschauern danke und macht ihren Lesern Mut, sich in ihrem Leben mehr zuzutrauen. „Nichts bewegt sich in deinem Leben, wenn du dich nicht selbst bewegst!“, sagt sie. Die Autorin bewegte tausende Menschen, als sie auf dem Höhepunkt ihrer Fernsehkarriere einfach ausstieg.

KOMMENTAR: Seine Selbstherrlichkeit gab sich die „Ehre“

So hatte sich der Intendant seine Vorstellung wohl nicht vorgestellt: Statt Applaus zu spenden, rumorte es im Publikum. Die meisten waren gekommen, um einen unterhaltsamen Abend zu erleben. Sie bekamen statt dessen eine Moderatorin und ihren selbsternannten Richter präsentiert. Ja, Theater darf auch politisch sein. Aber öffentliche Schlachtfeste selbsternannter „politisch Korrekter“ haben weder mit Politik noch mit Theater etwas zu tun.
Wer nicht Menschings Meinung ist, sollte seiner smarten Aufforderung Folge leisten – und dem Theater Rudolstadt den Rücken kehren. Sein Auftritt war dem eines Intendanten unwürdig und ein Faustschlag ins Gesicht all derjenigen Zuschauer, die ihn mit ihren Steuern bezahlen (müssen). Falls Mensching gestern auf die etwas andere Art kündigen wollte – gelungen. Wenn nicht: Dann sollten andere ihm Beine machen. Wer ein steuerfinanziertes Theater zu seiner politischen Showbühne machen möchte, sollte schleunigst umdenken. Und sein eigenes privates (Affen)Theater eröffnen. Was der Intendant mit sechsstelligem Jahres-Salär gesten ablieferte, war selbst eines Komparsen unwürdig.
Auch Steffen Mensching schreibe ich gern abgewandelt ein Zitat aus „Shooter“ ins Stammbuch: „Ihr moralischer Kompass ist so im Arsch, ich wäre geschockt, wenn Sie auch nur den Weg zum Parkplatz fänden.“

Andreas Kühn

2 Replies to “„Die Showbühne als Schafott“

  1. MMM Steffen Mensching versus Katrin Huß
    Spät am Abend des 21. März sind Teile des Rudolstädter Theaterpublikums mächtig in Rage gekommen. Zum ersten Mal und mehr zufällig hatte ich diese Veranstaltung der Serie MMM besucht, in der es um ein heiteres Berufe-Raten nach Art der von Robert Lembke über viele Jahre präsentierten TV-Sendung „Was bin ich?“ ging. Lemkes Show habe ich in differenzierter Erinnerung: Neben Geistvollem gab es auch manch seichten Unterhaltungsklamauk.
    Steffen Menschings Performance zielt sowohl in seiner eigenen Rolle als auch mit der Einladung seiner Gäste eindeutig auf unterhaltsamen intellektuellen Anspruch, und er möchte zudem einige politische Akzente setzen. Doch ausgerechnet mit dem Stargast, dem journalistischen Multitalent Katrin Huß, kam es zum Eklat, weil Herr Mensching Frau Huß in einen Disput verwickelt hat, der den Rahmen der Veranstaltung notwendigerweise sprengen musste. S. Mensching bohrte hartnäckig mit Fragen nach den Ursachen für einen Karriereknick, den K. Huß vor längerer Zeit beim MDR erlebt hat. Die Anwesenden konnten dabei Bemerkenswertes von engen Grenzen freier journalistischer Tätigkeit, ja von Polit-Mobbing, beim MDR erfahren. Der Unmut eskalierte, als immer wieder Frau Huß´ Verhalten während eines mehrere Jahre zurückliegenden MDR-Interviews mit dem Psychoanalytiker Dr. Hans-Joachim Maaz hinterfragt und ihr quasi das Etikett einer Rechtsextremistin verpasst werden sollte. Mensching wollte nun partout wissen, warum sie damals Herrn Maaz nicht in die Parade gefahren ist. Es entspann sich daraufhin ein Zwiegespräch über journalistische Verantwortung. Viele Zuschauer interessierte das offensichtlich nicht. Wahrscheinlich fehlte es ihnen auch an Kenntnissen über die Auffassungen von Herrn Dr. Maaz. Sie hatten sich den Abend anders vorgestellt und verließen unter Protest den Raum.
    Aus meiner Sicht hat Steffen Mensching in guter Absicht, aber zur falschen Zeit und am falschen Ort brisante politische Probleme in die Debatte bringen wollen. Weder Frau Huß noch Herrn Dr. Maaz sollte man Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit o. ä. vorwerfen.
    Dr. Maaz ist weder Soziologe noch Politikwissenschaftler, sondern – auch schon zu DDR-Zeiten – versierter Psychoanalytiker, der die Befindlichkeiten der Ostdeutschen vor und nach der Wende untersucht hat, ohne die nötige Beachtung bei der Regierenden zu finden.
    Die Theaterbühne nachts um halb elf ist für Diskussionen um solche grundlegenden Probleme sicher weniger geeignet als die anstehenden Wahlkämpfe.

  2. Betr.: MMM – Was bin ich am 20. März
    Ich habe erstmal ein paar Tage gewartet, um die ersten großen Emotionen abziehen zu lassen. Es hat sich jedoch an meiner Einstellung und meinem Empfinden nichts geändert: Meine hohe Meinung vom Intendanten des Theaters Rudolstadt ist dahin! Diese Selbstherrlichkeit hat ja alle zulässigen Grenzwerte überschritten! Muss man als Intendant denn nicht wissen, bzw. ein Gefühl dafür haben, wie weit man eingeladene Gäste „herunterziehen“ darf?
    Selbst seinen Zuschauern hat er gar viel zugemutet! Nachdem er sie erstmal angepflaumt“ hat, weil aus ihren Reihen versehentlich leichte Hinweise für das Rateteam kamen, posaunt er nach 3 Minuten den Namen des anwesenden Gastes heraus. Die Absicht dafür ist einleuchtend. – Die Begründungen, die gegenüber Herrn Spanier/OTZ genannt wurden, hätte er stecken lassen können: Die angeblich „späte Stunde“ ist normale Theaterbesuchszeit gewesen und das Publikum hat glaube ich keine Probleme, die Diskussionsgrundlage nachzuvollziehen!
    Herr Mensching hätte die Veranstaltung nicht „vorzeitig“ beenden zu brauchen, sie war beendet, den 50% der Zuschauer hatten schon die Flucht ergriffen!
    Die Veranstaltung hat dem ehrenwerten Gast „eine tolle Show“ geboten! Vielen Dank!

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