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Das mehrschneidige Schwert in einer Schmierenkomödie

Gemein hin gilt absolut: Wer in der Öffentlichkeit Kegel schiebt, muss nachzählen lassen, wie viele er getroffen hat. Wer glaubt, die Messlatte erfunden zu haben, muss auch sich selbst daran messen lassen. Aber: Privates ist und bleibt privat.

Eine auf Ibiza spielende Schmierenkomödie zieht seit vorgestern ungeahnte mediale Aufmerksamkeit nach sich. Hauptdarsteller Heinz-Christian Strache und Statist Johann Gudenus hatten niemanden, der ihnen ihre Sprechrollen auf den Leib schneiderte oder soufflierte. Sie plapperten ihre eigenen unappetitlichen Texte.

Was da in einem „Trailer“ von sechs Minuten Länge dargeboten wurde, lässt das sechsstündige Stück in Gänze erahnen. So viel ist ebenso öffentlich wie unmissverständlich: Die stramme Mischung aus schöner Russin, sonnigem Ibiza und Wodka Red Bull verlieh Strache keine Flügel, sondern war für ihn zu straff. Wer sich für einen „harten Kerl“ hält, sollte mit einem solchen Szenario umgehen können.

Was mir eben so viele Sorgen macht wie der politische und menschliche Offenbarungseid Straches, ist die Methode. Sowohl was das Zustandekommen des Videos anbelangt als auch den Zeitpunkt der Veröffentlichung. Trotz Straches Schlabber-T-Shirt riecht es nach Schlapphut aus allen Poren. Nach Nuancen von Rechtsstaatlichkeit oder wenigstens Legalität schnuppert es nicht.

Es verwundert mich nicht, dass Straches politische Gegner dazu keine Silbe kundtun. Allerdings überrascht es mich auch nicht, dass seine politischen Freunde sich nur zur Methode, nicht aber zum Inhalt äußern. Die Schmierenkomödie zu sezieren, ist falsch. Denn es handelt sich um ein Gesamtkunstwerk!

Kinder und Betrunkene sagen die Wahrheit, spricht der Volksmund. Recht hat er! Auch wenn es sich „nur“ um Gedankenspiele Straches handelt – sie lassen tief (zu tief) blicken. Solche Politiker sind nicht tragbar. Da wurde kein Unschuldslamm geschlachtet.

Dennoch gehören zu einer Medaille zwei Seiten. Nein, der „gute“ Zweck heiligt nicht solche Mittel! Wer solche Mittel (egal ob besoffen oder nüchtern) rechtfertigt, verabschiedet sich aus dem Kreis der Demokraten. Wer gar nun alle, die als Straches politische Sympathisanten gelten, mit ihm in einen Topf wirft, ist keinen Deut besser als er. Deshalb müssen die Strippenzieher offen gelegt werden. Was waren ihre wirklichen Motive? Wer waren die Geldgeber dieses aufwändigen Szenarios? Wollte man Sebastian Kurz treffen und schlachtete deshalb Strache?

Wenn zum „Schlachten“ von missliebigen Politikern jedes Mittel recht wird, dann graut mir vor denen, die das so sehen. Wenn für Ideologen jedes Mittel heilig ist, um politische Gegner zu Fall zu bringen, dann sind Rechtsstaat und Freiheit so gut wie verloren. Wenn Politiker aufs hohe Ross steigen, die ihrem Land und Europa nüchtern mehr geschadet haben als es ein volltrunkener Strache je hätte tun können, dann erzeugt das Brechreiz.

Zu guter letzt: Ich bin mir nicht sicher, ob ein ähnlich kompromittierendes Video mit linken, grünen oder sozialdemokratischen Hauptdarstellern seinen Weg in die Öffentlichkeit gefunden hätte … Allen christlichen wie unchristlichen Strache-Verdammern sei ins Stammbuch geschrieben: Da war doch was mit Sünde und dem ersten Stein?
Andreas Kühn