Allgemein Freizeit Magazin

Das Hohelied der Jogginghose

Rudolf Gehrig wurde 1983 im unterfränkischen Seubrigshausen geboren. Er interessiert sich für Religion, Sport und Musik. Gehrig studiert derzeit Theologie in Bonn und arbeitet beim katholischen Fernsehsender EWTN Deutschland. Dieser Beitrag erschien zuerst hier. 
Fotos: Andreas Kobs / Rudolf Gehrig
Rudolf Gehrig wurde 1983 im unterfränkischen Seubrigshausen geboren. Er studiert derzeit Theologie in Bonn und arbeitet beim katholischen Fernsehsender EWTN.
Sein Beitrag erschien zuerst hier.
Fotos: Andreas Kobs / Rudolf Gehrig
Von Rudolf Gehrig

Kein Kleidungsstück spaltet die Menschheit so sehr wie die Jogginghose: Die einen lieben sie, andere verachten sie. Unser Autor gehört zu den Liebhabern dieses Kleidungsstücks. Eine Lobeshymne auf die Jogginghose.

Geliebte Jogginghose,
ich kann dir nicht beschreiben, wie sehr mein Herz vor Freude zu hüpfen beginnt, wenn ich nach Hause komme und dich endlich wieder sehe. Ich vermag dieses Glücksgefühl nicht zu beschreiben, wie es sich anfühlt, meinen Gürtel zu lösen, die viel zu enge Hose in die Ecke zu werfen und dich anzuziehen. Ein langer, harter Tag liegt hinter mir. Ein Tag voller Arbeit, Ärger und Anstrengung. Doch jetzt bin ich bei dir. Jetzt gibt es nur noch uns – dich, den Fernseher und eine Tüte Chips. Und mich.

Schön bist du, meine Geliebte. Ich fühle mich gleich besser, wenn ich in deiner Nähe bin. Du tust mir gut. Du verurteilst mich nicht, gibst keine Widerrede. Du lässt mich, wie ich bin. Und wenn meine Hüften breiter und mein Bauch runder wird, so verlässt du mich nicht. Nein, du passt dich mir an. Du bist flexibel und bereit, Kompromisse einzugehen. Liebevoll schmiegst du dich an meinen Hintern, sanft wie die Frühlingssonne legst du dich auf meine Oberschenkel, zärtlich wie ein Gebirgsbach fällst du an meinen Waden hinab. Deine Anmut elektrisiert mich, ebenso dein Polyester, das mir in Kombination mit der Türklinke schon so manchen kleinen Stromschlag bescherte. Auch das ist ein Grund, warum ich mit dir kaum das Haus verlasse.

Jogginghose, Fernseher, Fließentisch
Was hat man dich in den letzten Jahrzehnten verkannt. Für viele bist du zum offen zur Schau getragenen Merkmal eines in die Asozialität abgeglittenen Lebensentwurfs geworden. „Wer Jogginghosen trägt“, behauptet Karl Lagerfeld, „hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Als ob dieser Stümper etwas von Mode verstünde! Wie soll man diesen Menschen ernstnehmen, der ein Gesicht hat wie Heino mit Mozart-Perücke, dabei eine Schnute verzieht wie Udo Lindenberg und sich obendrein so kleidet, als wäre Graf Draculas Halsmuskulatur derart unterentwickelt, dass sein Kopf durch einen überdimensionalen Hemdkragen gestützt werden müsste?

Es jubelt mein Herz und frohlockt meine Seele, wie in Salomos Sänfte trägst du mich dahin.
Vom Lehramtsstudenten bis zum HARTZ-IV-Empfänger geht ein Aufschrei durch das ganze Land. Sie wollen diese Schmähkritik nicht hinnehmen. Heroisch tragen sie dich, auch in der Öffentlichkeit. Einige haben es sogar in diverse RTL-Sendeformate geschafft. Für eine geringfügige Gage legen sie dort ihre beturnschuhten Füße auf die vom Sender bereitgestellten Fließentische, geben eigentlich unartikulierbare Grunzlaute von sich und zeigen der Welt voller Stolz: „Ich trage eine Jogginghose. Und das ist gut so.“

„Wo ist sie, die meine Seele liebt?“
O du Schenkelschmuck des Proletariats! So wenn du dich schmückest mit Chips-Krümel, Pizza-Käse und Zahnpasta-Flecken, können nicht einmal die Lilien auf dem Felde mit all ihrer Pracht dich an Anmut überragen. Wenn der Tag verweht und die Schatten wachsen, eile ich dir entgegen, der Gazelle gleich. Meiner Hüften Rund wartet auf dich, mehr als die Wächter auf den Morgen. Es jubelt mein Herz und frohlockt meine Seele, wie in Salomos Sänfte trägst du mich dahin. Und wenn ich am Morgen mein Tagwerk beginne, so zerrinnen die Stunden in Sehnsucht und Seufzen. Zu dir, o süße Gammel-Kluft, bebte mein Herz den ganzen Tag! Ich fragte voll Kummer und Zagen: „Wo ist sie, die meine Seele liebt?“

Von jetzt an, so sagte ich mir, werde ich dich öfter tragen. Und das tat ich dann auch. Ich trug dich Zuhause, in der Uni, auf der Arbeit, beim Finanzamt, in der Straßenbahn, auf Partys, beim Schlafen, im Kino und beim Autofahren. Nur leider viel zu selten dort, wofür man dich eigentlich gemacht hat: Beim Joggen.