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Bosnien: Neuer Brennpunkt der illegalen Migration? Teil 3 (Schluss)

Bemerkung vorab: Die Ereignisse der vergangenen 72 Stunden zeigen: Es war wichtig und richtig an diese Orte zu reisen. Was sich jetzt dort abspielt, sind dennoch nur Vorboten einer Lage, die mehr als besorgniserregend werden könnte!

Weiter in der Chronologie. Von Bihać zum Brennpunkt Velika Kladuša sind es 60 Kilometer. Auf dem Weg dorthin befindet sich das „Hotel Sedra“.

Das einstige touristische Erholungszentrum „Hotel Sedra“ befindet sich am linken Ufer des Flusses Una, vier Kilometer unterhalb der Burg Ostrožac. Es sind von dort jeweils zwölf Kilometer nach Cazin oder Bihać. Das Hotel verfügt über 303 Betten in Appartements, Einzel- und Doppelzimmern, hinzu kommen die beiden Villen Plitvice und Kozara. Das Hotel hat zwei Restaurants, die Gemeinschaftsräume „Bistro“ und „Lane“ sowie eine Bar. Für geschäftliche Treffen, Konferenzen und ähnliche Veranstaltungen wurde einst die Burghalle mit 200 Sitzplätzen genutzt. Offizielle Angaben über die Belegung waren nicht verfügbar, das Rote Kreuz schätzt unter der Hand auf 500 bis 800 Familien mit Frauen und Kindern, die derzeit dort leben.
Das Gebäude wird von einer privaten Sicherheitsfirma bewacht, der Zutritt wurde uns verwehrt.
Das Hotel wurde von IOM (International Organisation for Migration) angemietet, um ausschließlich Familien, Frauen und Kinder dort unterzubringen. Die Schätzungen der dort untergebrachten Migranten reichen von 500 bis 800.

Sosan (21) kommt aus Afghanistan. Sie war von Kabul mit Mutter, Vater und zwei Geschwistern zwei Jahre unterwegs, um Bosnien und Herzegowina zu erreichen. Ihr erstes EU-Land war Bulgarien, dann reisten sie weiter ins Nachbarland Serbien. Die Familie sei in einem Hotelzimmer gemeinsam untergebracht, erzählt Sosan. Täglich gebe es drei Mahlzeiten.
Eine junge Afghanin hat es samt Familie bereits einmal nach Kroatien geschafft. Alle wurden zurückgebracht, ihr Vater geschlagen. Eine 17-Jährige ergänzt: „Wir waren bereits vier (!) Mal in Kroatien. Die Polizei dort hat uns nicht gut behandelt.“
Die Erzählungen über Polizeigewalt ähneln einander. Auch die bosnische Polizei berichtet, dass ihre Kollegen überhart auch gegen diejenigen vorgehen, die keinen Widerstand leisten. Selbst vor Kindern und hochschwangeren Frauen mache die Polizei mit Schlagstöcken und Hunden nicht Halt. Menschenrechtsorganisationen singen das gleiche Lied. (Quelle) Nachprüfbar sind die Schilderungen nicht, glaubwürdig erscheinen sie indes schon.Auf der letzten Etappe der insgesamt 3.503 Kilometer langen Reise geht es vom „Hotel Sedra“ nach Velika Kladuša. Wie schon zuvor in Bihać beherrschen Migranten das Stadtbild. Ein ständiges Kommen und Gehen aus und in Richtung eines unüberschaubaren Zeltlagers am Ortsrand.
Kurz Stippvisite an der bosnisch-kroatischen Grenze. Es herrscht angespannte Ruhe. Auskünfte erteilen sowohl die bosnische als auch die kroatische Seite (sehr freundlich!) nur „informell“. Gelegentlich würden Migranten in Lastern und Kleintransportern aufgegriffen, aber eher selten. Tags darauf, am 18. Oktober, wird ein Illegaler unter (!) einem Bus entdeckt, mit dem dieser die bosnisch-kroatische Grenze bei Velika Kladuša passieren wollte (Quelle).
Sorge bereitet beiden Seiten die „grüne Grenze“. Niemand könne garantieren, dass alle Minen aus dem 1990er Jahren geräumt seien.

Selbst in der Dunkelheit ist der Weg ins Zeltlager nicht schwer zu finden. Es genügt, den Spuren des Mülls zu folgen. Das Lager hat nur einen „Lichtblick“ – ein riesiges Feuer in dem die Flammen vornehmlich an Autoreifen lecken. Wir kehren um und finden uns am nächsten Morgen wieder dort ein.
Kurzer freundlicher Disput mit der Polizei. Sie machen sich Sorgen um uns und bitten darum, sich bei ihnen wieder abzumelden, damit sie die Gewissheit haben, dass wir unbeschadet von dannen ziehen.


In einem Zelt sitzt Mann aus Bangladesch, der sagt, dass sein gebrochener Arm Folge kroatischer Polizeigewalt sei.
Eine Brücke trennt das Zeltlager von der anderen Straßen Seite, wo sich an diesem Morgen die Verpflegungsstelle (Titelfoto) befindet. Polizisten, private Security und zwei Mitarbeiterinnen des Roten Kreuzes sorgen dafür, dass gruppenweise das Frühstück ausgegeben werden kann. Wenn es mal knapp wird, so berichten die Polizisten, kommt es auch zu Gewalt unter den Migranten. Es gibt an diesem Tag Milch, Brot, Käse und Fisch und auch Bananen waren zu sehen. Wer noch genügend Geld hat, versorgt sich in der Stadt zusätzlich. Aber es wird auch gestohlen. Der Platz auf dem das Zeltlager aufgebaut wurde, ist von Müll übersät. Schnell bildet sich um uns eine Traube von Illegalen. Das erste, wovon sie erzählen, sind Verletzungen, die sie in Kroatien durch Schlagstöcke der Polizei davongetragen haben. Fast jeder von ihnen hat es bereits bis ins gelobte EU-Land geschafft. Aber eben nur kurz. „Wir wurden durch ein Spalier maskierter Polizisten getrieben und geschlagen. Es war Spießrutenlaufen“, erzählt Abdullaziz (33).
Mohamed (35) kommt aus dem Irak. Einen Monat war er in der Türkei, fünf Monate in Griechenland, Mazedonien, Albanien und Montenegro. Seit fünf Monaten sitzt er in Velika Kladuša fest. Vier mal hat er bereits versucht, nach Kroatien zu kommen, stets vergeblich. „Very bad“ sagt er über die kroatische Polizei.

Viele Migranten nennen es „The Game“, wenn sie sich einzeln oder in kleinen Gruppen aufmachen, die kroatische Grenze zu überschreiten. Meist geschieht dies nachts. Doch je weiter sie in Kroatien vorankommen, umso mehr verrät sie tagsüber ihr Äußeres. Sie werden von der Polizei geschnappt – und nach Bosnien zurückgeschoben. Sie versuchen es aber immer wieder. Und sie werden niemals nachlassen, sagen sie. „Game over“ schließen sie für sich aus. Statt dessen wird russisches Roulette gespielt.
Durch die Informationen im Lager wissen sie, dass sie Gefahr laufen, auf eine Mine zu treten. Es schreckt wie weniger als der Gedanke, die EU niemals zu erreichen. Nicht immer versuchen sie, via Kroatien letztlich Italien zu erreichen, einige wollen auch an der kroatisch-slowenischen Grenze durchschlüpfen.
Fünf mobile Toilettenhäuschen, heißt: Mehr als 100 Menschen teilen sich ein WC!
Zwei (!) Duschzelte, die bei Minusgraden hinfällig sind.

Kommentar: Eine vielseitige Medaille

Nein, die Bilder aus dem riesigen Zeltlager in Velika Kladuša sind alles andere als schön. Es braucht keine Fantasie, sich vorzustellen, was länger anhaltender Regen und später Kälte dort anrichten werden. Doch zur bitteren Wahrheit gehört: Diese Zustände haben diejenigen verursacht, die dort campieren. Niemand hat die Illegalen eingeladen. Nächtliche Gewalt an diesem Ort wird auch von ihnen selbst produziert, da sie meist nichts anders kennen als Konflikte gewaltsam zu „lösen“.
Es ist sicher kein Ruhmesblatt für die EU, wenn die Polizei eines Mitgliedsstaats überhart gegen illegale, aber friedliche Migranten vorgeht. Es ist unwürdig, wenn kroatische Polizisten Menschen auszurauben oder sinnlos zu verprügeln. Welchen Sinn es haben soll, Smartphones zu zerstören, erschließt sich mir ebenfalls nicht.
Leider zeigt sich seit 72 Stunden an der Grenze ein noch hässlicheres Bild, das jedoch seit dem Sommer 2015 von vielen EU-Außengrenzen bekannt ist: Illegale Migranten, die versuchen, gewaltsam eine Grenze zu stürmen. Kinder und Frauen sozusagen als „Schutzschilde“ zu benutzen, ist schändlich. Polizisten anzugreifen ist kriminell. Es gibt keinen vernünftigen Grund, Kriminelle nicht schonungslos als solche zu behandeln. Und es gibt kein Menschenrecht, eine Grenze mit Gewalt zu stürmen! Armut ist ein Motiv, aber kein Rechtfertigungsgrund!
Sobald der Winter Einzug gehalten haben wird (und in Nordbosnien kann es grimmig kalt werden!), werden noch mehr dieser Bilder an der Tagesordnung sein. Bereits jetzt ist unklar, unter welchen ansteckenden Krankheiten die Neuankömmlinge leiden. Noch weniger klar ist, wie viele vom Schlage eines Anis Amri dabei sind. Keiner? Einer? Oder dutzende?
Die nächste Migrationskrise abzuwenden kann nur heißen: Die Illegalen, die bereits Bulgarien und Griechenland passiert haben, dorthin zurückzuführen und endlich die Außengrenze zuverlässig abzuriegeln. Busse oder Flieger zu schicken, wäre der falsche Weg. Was es zuletzt braucht: Teddybärwerfer und Bahnhofsklatscher in Deutschland, Italien oder anderswo in der EU!
Unstrittig ist: Diesen Menschen muss und sollte geholfen werden. Aber anderen Orts: Dort, wo sie hergekommen sind! Es würde den Bruchteil einer deutschen Vollkasko-Versorgung kosten und diese Menschen nicht entwurzeln.
Andreas Kühn

Was danach geschah:

In der vergangenen Nacht warfen aggressive Migranten Flaschen und Steine ​​auf die kroatische Polizei am Grenzübergang Maljevac. Link zum Video von „Dnevni Avaz“ Foto: Screenshot

Weiterführender Link zur aktuellen Lage.
Dazu der Bericht von Tagesschau.de
Aktuelle Lage in weiterem Bericht
Update: Einwohner von Bosnien-Herzegowina fürchten um das Leben ihrer Kinder aufgrund von Migrantenverbrechen
Text & Fotos: Andreas Kühn
Übersetzungen: Fikret Pendek

Zu Teil 2
Zu Teil 1

Nachbemerkung:
Es gab für dieses Thema niemandes Auftrag, niemandes Geld. Was gut so ist.
Sehr gefreut habe ich mich über den Offenen Brief des Präsidenten der Deutsch/BiH Wirtschaftsgesellschaft e.V.

One Reply to “Bosnien: Neuer Brennpunkt der illegalen Migration? Teil 3 (Schluss)

  1. Lieber Herr Kühn, Danke und Hochachtung für diesen Situationsbericht ! Die Aufarbeitung und Beschreibung der Situation ist Ihnen hervorragend gelungen. Bewundernswert auch Ihr Mut, sich in solche Spannungsfelder zu begeben, letztlich haben einige Ihrer Berufskollegen dies schon mit dem Tod bezahlt .
    ES stellt sich natürlich, nicht nur für mich, die Frage, wie das weitergehen oder enden soll.
    Ich sehe keine Lösung, die in absehbarer Zeit fruchtbar greifen wird. Irgendwann wird auch die Polizei dort müde werden, insbesondere wenn keine politische Lösung in Sicht ist. Der Migrantenstrom wird weiter ziehen, unaufhörlich. Und es werden weitere kommen. Und auch wir werden irgendwann registrieren müssen, wie sich unser Leben dadurch verändern wird . Wahrscheinlich in unserer beider Leben nicht ganz so offensichtlich, aber im Leben unserer Kinder und Enkelkinder schon . Ich weiss nicht, wie sich das Leben verändern wird und diese Ungewissheit bereitet mir doch grosse Sorge. Politisch erwarte ich nichts. Es scheinen ja auch mit Dieselverboten, Braunkohlenausstieg und immer wieder Donald Trump ausreichend irrwitzige Themen wichtigerer Art zur Verfügung zu stehen. Eine traurige Entwicklung ! Nun, wir werden sehen .
    Nochmals vielen Dank für diese Recherche !

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