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Bosnien: Neuer Brennpunkt der illegalen Migration? Teil 2

Wer aufmerksam durch die engen Gassen der Altstadt von Sarajevo geht, kann sie mühelos entdecken: Illegale Migranten, erkennbar vornehmlich vom indischen Subkontinent und aus dem arabischen Raum. Sie werden von der Polizei eher ignoriert, denn kontrolliert. Die Uniformierten schreiten nur dann sofort ein, wenn es zu Auseinandersetzungen zwischen den Zugereisten kommt. Wie Einheimische sagten, sei dies aber eher selten der Fall.

Noch sind diese vier Männer aus Pakistan optimistisch, die EU zu erreichen. Von der Lage an der Grenze zu Kroatien haben sie nur vage etwas gehört.
Bis zu 100 Migranten (fast ausschließlich junge Männer) kommen jeweils an den Werktagen in die Ausländerbehörde, die sich nur drei Steinwürfe vom Flughafen Sarajevo entfernt befindet. Viele von ihnen haben bereits vor dem Gebäude übernachtet, manche kommen von irgendeinem „Schlafplatz“ außerhalb zu Fuß hierher. Einige haben sich in verlassenen Häusern oder Zelten notdürftig eingerichtet. Mit ein bisschen Glück haben sie am Abend zuvor am Bahnhof ein warmes Essen ergattert, das Freiwillige dort verteilen.
Mit einem deutschen Kennzeichen am Auto reicht ein kurzer Stopp, um sofort von in Decken gehüllten Männern umringt zu sein. Die meistgenannten Herkunftsländer vor der Ausländerbehörde: Pakistan, Bangladesch, Afghanistan.
Sarajevo, 08:35 Uhr. Vor der Ausländerbehörde stehen ca. 60 Migranten, die sich ab 09:00 Uhr registrieren lassen wollen. Nur eine verschwindende Minderheit von ihnen stellt einen Asylantrag. Denn Bosnien und Herzegowina ist nicht ihr Ziel: Genannt werden Italien, aber öfter noch Deutschland. Sehr selten sind andere EU-Länder zu hören.
Geht es um die Gesamtzahl an Migranten in Sarajevo, so schwanken die Zahlen extrem – je nachdem, wer antwortet. Die Untergrenze liegt bei 3.000, die höchste Zahl, die genannt wurde: 8.500.
Die Reise von der Hauptstadt an die bosnisch-kroatische Grenze ist lang. Ein Tankstopp, eine Kaffeepause: Fünf Stunden brauchte es, um die 312 Kilometer auf der Landstraße bis nach Bihać zurückzulegen.
Die Fahrtstrecke führt nicht immer über sehr gute Straßen, ist sehr kurvig und mit zahllosen Ortsdurchfahrten gespickt.
Bereits ein Dutzend Kilometer vor Bihać nimmt die Zahl an der Straße laufender Migranten zu. Je näher man zur Stadt kommt, umso mehr werden es. Vereinzelt sind auch Frauen, aber keine Kinder zu sehen. Die meisten Männer tragen große Rucksäcke.
Im Zentrum von Bihać sind die Migranten dann endgültig unübersehbar. Sie bestimmen in den frühen Nachmittagsstunden das Bild der Stadt ebenso wie eine omnipräsente Polizei.
Der Stopp beim Roten Kreuz war wenig informativ.
Stippvisite beim Roten Kreuz, untergebracht in einem Hinterhof im Stadtzentrum. Einer Interview-Anfrage folgen hektische Telefonate – und eine freundliche Absage. Was inoffiziell mitgeteilt wird: In Bihać schätzt man die Zahl der Migranten auf 4.500 bis 5.000. Das war es dann mit der Auskunftsfreudigkeit.
Ausländerbehörde in Bihać
Im ersten Stock der zentral gelegenen Ausländerbehörde sind nachmittags nur noch eine Handvoll Migranten. Zu dieser Stunde geht es ihnen mehr ums Laden ihrer Smartphones als um Registrierung.
Ein nüchterner Vorraum wird beherrscht von einem Tisch und einem Kopierer. Achtlos liegengelassene Fragebögen zur Registrierung lassen darauf schließen, dass längst nicht jeder Neuankömmling lesen und schreiben kann.
Die Mitarbeiter sind freundlich-korrekt. Fragen beantworten sie unter Verweis auf fehlendes „grünes Licht“ aus Sarajevo indes nicht.

Nur einen halben Kilometer vom Stadtzentrum entfernt befindet sich in einem Wäldchen ein ehemaligen Studentenwohnheim, das komplett mit hunderten Migranten belegt ist. Am Hang davor: Ein Meer von Zelten. Am Zugang ist die Polizei ständig präsent. In der Nähe weitere Streifenwagen in permanenter Bereitschaft.
Ein intensiver Blick auf den Presseausweis, erläuternde Worte des Dolmetschers. Dann bittet der Polizist darum, möglichst nicht weit auf das Gelände zu gehen, es sei zu gefährlich, er könne uns nicht schützen. Auf die Frage vor wem, kommt die Antwort: „90 Prozent Kriminelle.“ So sein persönlicher Erfahrungswert. „Sie rauben, schlagen und betteln. Jeder heißt, wie er sagt. Niemand hat Dokumente aus dem Herkunftsland.“

Eine dreiköpfige Gruppe von pakistanischen Männern (35, 23 und 16 Jahre alt), die sich seit zwei Wochen in Bihać aufhalten, schildert die fast immer gleiche Route, die auch deren Landsleute beschreiben: Pakistan, Iran, Türkei, Griechenland, Albanien, Montenegro, Bosnien und Herzegowina. Sie seien seit einem Jahr unterwegs. Die Geldsumme, die sie in diesem Zeitraum verbraucht haben wollen: 7.000 Euro. Sie beklagen die schlechten Bedingungen. Der 35-Jährige Usman (Bildmitte) sagt: „Es fehlt an Laken und Kopfkissen. Das Essen ist oft zu wenig.“ Usman schätzt, dass fast jeder Zweite im Lager aus Pakistan kommt.
Nicht wenige erklären, dass ihre finanziellen Mittel erschöpft seien. Das will der Polizist so nicht im Raum stehen lassen und verweist auf wahre Wandergruppen, die tagtäglich zu Auszahlstellen in der Stadt unterwegs seien, um via Western Union gesendetes Geld abzuholen.
In jüngster Zeit hätten die Konflikte im Lager zugenommen, berichtet ein weiterer Uniformierter: „Es kommt fast täglich zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Auch eine Machete und mehrere Messer waren bereits im Spiel. Am aggressivsten gehen Afghanen, Libyer und Marokkaner vor. Gar keine Probleme gibt es mit Iranern.“
Samir (18) ist seit zwei Jahren unterwegs. 4.000 Euro hat ihn das bisher gekostet. Er betrat die EU zuerst in Griechenland, zog dann via Mazedonien und Serbien gen Bosnien und Herzegowina. Er möchte gern nach Italien, Frankreich oder Deutschland. Zwei mal hat er es bereits nach Kroatien geschafft, wurde aber immer wieder zurück gebracht. Zuletzt nahm man ihn in Rijeka fest, nur einen Katzensprung von Italien entfernt.
Die Blicke der Einheimischen, die in Lagernähe wohnen, sprechen Bände. Eine Frau in den Mittvierzigern möchte nicht fotografiert werden, redet aber: „Das Klauen hat sehr stark zugenommen. Die Migranten brechen auch ein, entwenden Feuerholz. In der Innenstadt stehlen sie häufig Lebensmittel. Meine Landsleute und ich sind inzwischen besorgt, weil alles nicht besser wird, wenn der Winter kommt. Dennoch schweigen die meisten, weil auch die Politiker den Mund nicht aufmachen.“

Kommentar: Geschenke?

Um Realitäten so zu sehen wie sie sind, braucht es Augen und Ohren. Und ein bisschen Geld und Zeit, um sich auf den Weg zu machen. Keine Haltung. Nur einen Chronistenwillen.
Das Bild vor Ort gleicht dem, das man sich in der EU machen kann: Migranten ohne Papiere, die heißen, wie sie sagen. Nur ein Bruchteil von ihnen ist politisch verfolgt.
Es ist billig, darüber zu lamentieren, dass dort nicht geholfen wird. Die beste Hilfe für alle Seiten wäre, diesen Menschen unmissverständlich klar zu machen, dass es keinen weiteren Bedarf an Zuwanderung in die europäischen Sozialsysteme gibt. Das australische Vorbild lässt grüßen.
Und wenn wir schon über fremdgesteuerte Fluchtursachen in den Herkunftsländern reden: Das kleine, arme und mit hoher Arbeitslosigkeit „gesegnete“ Bosnien und Herzegowina war an keinem Krieg beteiligt! Das Land hat niemanden „eingeladen“!
Die Menschen haben es satt, dass man ihnen den schwarzen Peter in Menschengestalt über die Grenzen schiebt.
Wenn die EU den Bosniern helfen wollte, würde die Gemeinschaft Busse schicken, die die Migranten dorthin zurückbringen, wo sie nach geltendem Recht hingehören: An die EU-Außengrenze, die schlampig geschützt wird!
Alle die meinen, „wir bekommen Menschen geschenkt“, sollten diese Geschenke auch bei sich aufnehmen und behüten. Denn die wahren Geschenke, die da vor der europäischen Haustür lagern, heißen: Probleme.
So menschlich verständlich der Wunsch der Zureisenden ist, ihr persönliches Schicksal verbessern zu wollen, so bedeutsam ist es, an den großen Peter Scholl-Latour zu erinnern: «Wer halb Kalkutta aufnimmt, hilft nicht etwa Kalkutta, sondern wird selbst zu Kalkutta!»

Andreas Kühn
Inzwischen eskaliert die Migrationskrise vor Ort. In Bihać kommt es inzwischen täglich zu Demonstrationen der Einwohner (Quelle). Tweet von zwei „Al Jazeera“-Mitarbeitern aus Bosnien: Dritter Tag des Protests der Einwohner von Bihać
Fotos & Text: Andreas Kühn
Übersetzungen: Fikret Pendek

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