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Bosnien: Neuer Brennpunkt der illegalen Migration? Teil 1

Hunderttausende illegale Migranten kamen bis 2016 über die Balkanroute in die Europäische Union, die meisten nach Deutschland. Nachdem dieser Weg formal geschlossen wurde, versuchen dennoch nicht wenige weiterhin über den Balkan in die Europäische Union zu gelangen. Jeder fünfte Migrant kommt nach Angaben von IOM (Internationale Organisation für Migration) inzwischen wieder auf dem Landweg, nicht übers Mittelmeer. Doch seit Monaten endet der Weg in die EU für sie in der Sackgasse – an der bosnischen Grenze zu Kroatien. Für Bosnien und Herzegowina, ein wahrlich nicht reiches Land mit nur rund 3,6 Millionen Einwohnern, eine völlig neue Situation: Denn während der großen Migrationskrise im Jahre 2015 befand sich das Land abseits der damaligen Balkanroute.

In den vergangenen Monaten ist die Zahl der Migranten in Bosnien und Herzegowina sehr deutlich angestiegen. Die meisten kommen nach offiziellen Angaben aus Pakistan und Afghanistan. Der hohe Anteil an Iranern ist dem Umstand geschuldet, dass im vergangenen Jahr zwischen Serbien und Iran Visa-Freiheit vereinbart wurde. Überraschend: Wir trafen überproportional viele junge Männer aus einem Land, das bei den offiziellen Angaben unter „Sonstige“ rangiert: Bangladesch!

Illegale Glücksritter in Bihać
Während die Illegalen früher überwiegend über Mazedonien und Serbien den Weg in die Europäische Union suchten, kommen jetzt immer mehr über die westliche Balkanroute. Doch der Weg nach Kroatien ist versperrt: Die EU-Außengrenze wird scharf bewacht, mit Illegalen gehen die kroatischen Polizisten nicht zimperlich um.
Quelle: UNHCR (United Nations High Commissioner of Refugees – Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen)
Vier Tage machen nur Momentaufnahmen möglich. Wir reisten mehr als 2.000 Kilometer durch Bosnien und schauten uns vor Ort um:
Sarajevo (Hauptstadt und Regierungssitz von Bosnien und Herzegowina mit rund 300.000 Einwohnern)
Bihać (62.000 Einwohner)
„Hotel Sedra“ nahe Cazin (dort sind ausschließlich Familien, Frauen und Kinder untergebracht)
Velika Kladuša
Wir sprachen zudem an der bosnisch-kroatischen Grenze von Velika Kladuša nach Maljevac mit den dort eingesetzten Beamten.

Am nachdrücklichsten war der Besuch in Velika Kladuša. Die Kleinstadt an der bosnisch-kroatischen Grenze zählt nur rund 45.000 Einwohner, die meisten von ihnen sind Bosniaken (Muslime). Rund jeder Achte in de Stadt ist arbeitslos! In einem Zeltlager am Ortsrand (Titelfoto) harren unter aberwitzigen hygienischen Zuständen derzeit geschätzt 700 Migranten aus – wie viele es genau sind, kann oder will niemand sagen.
Die bosnische Presse spricht von 7.000 Illegalen in und um Velika Kladuša. Die Zahl ändert sich jedoch täglich, denn nahezu stündlich brechen einige auf, um über die nur wenige Kilometer entfernte kroatische Grenze zu kommen.

Sackgasse an der kroatischen Grenze

Auf der bosnischen Seite fehlt es an allen Ecken an Personal. Dragan Mektic, Sicherheitsminister von Bosnien und Herzegowina, ließ bereits im Frühjahr aufhorchen: „Allein bei der Grenzpolizei haben wir jede fünfte Stelle frei. Wir benötigen etwa 500 Menschen mehr, um die Grenzen zu schützen.“
Die kroatische Polizei verzeichnet einen etwa 80-prozentigen Anstieg der Fälle versuchter illegaler Grenzüberschreitungen, erklärte Mijo Rapić, der Leiter der Polizeidienststelle in Gvozd einer österreichischen Tageszeitung.
Es seien 150 Prozent mehr Menschen als im Vorjahr, die es riskieren. Aufgrund diverser Risikoanalysen, die etwa auch den Grenzschutz der Nachbarländer in Betracht ziehen, hatte die kroatische Polizei Zeit, sich auf den verstärkten Druck vorzubereiten. Es steht ihnen ein Frontex-Flugzeug zur Grenzüberwachung zur Verfügung, von der EU erhalten sie finanzielle Fördermittel, zusätzliches Personal wird aus Regionen im Zentrum des Landes in die Grenzgebiete geschickt.
Das Dilemma: Die Nachbarländer Slowenien, Montenegro und Serbien winken die Migranten gen Bosnien und Herzegowina einfach durch. Kroatien schiebt konsequent nach dorthin wieder ab.

Hunderte Glücksritter (meist jung und männlich) versuchen von Velika Kladuša aus, die Europäische Union zu erreichen, obwohl sie bereits mindestens ein EU-Land, meist Griechenland, passiert haben.

19 Mal mehr Migranten als im gesamten Jahr 2017

Neven Crvenković, Sprecher des UNHCR Südosteuropa in Sarajevo, erklärte uns im Interview zur Lage auf dem Balkan:
„Die Entwicklungen seit November 2017 weisen auf einen deutlichen und stetigen Anstieg der Neuankömmlinge in der Region des westlichen Balkans hin – am deutlichsten in Albanien, Montenegro und Bosnien und Herzegowina. Durch starke Einschränkungen an den Grenzen, insbesondere zwischen Serbien und Ungarn sowie zwischen Serbien und Kroatien, sank die Zahl derer, die sich länger in Serbien aufhalten, von über 7.000 Anfang 2017 auf aktuell 3.900.
Andere Länder in der Region, insbesondere Albanien, Bosnien und Herzegowina und Montenegro, meldeten eine Zunahme von Migranten und Flüchtlingen. Die Anzahl der Ankünfte in Albanien stieg um mehr als das Vierfache gegenüber dem Gesamtjahr 2017 (4.313 gegenüber 1.049). Die meisten der in Albanien registrierten Personen setzten ihre Reisen über Montenegro fort, das fast vier Mal mehr Ankünfte verzeichnete als im gesamten Jahr 2017 (3.366 gegenüber 849). Auch Bosnien und Herzegowina verzeichnete einen deutlichen Anstieg, als die Behörden im Jahr 2018 15.154 Flüchtlinge und Migranten anmeldeten (bis zum 23. September) – 19 Mal mehr als im gesamten Jahr 2017 (755).
Obwohl es in diesem Stadium schwierig ist zu spekulieren, ist UNHCR der Ansicht, dass der Anstieg der Ankünfte und Asylsuchenden in der Region im Jahr 2019 wahrscheinlich anhalten wird. …
Der Kanton Una-Sana (USC) ist am stärksten von dem beispiellosen Zustrom von Flüchtlingen und Migranten in Bosnien und Herzegowina betroffen. …
Es ist auch dringend erforderlich, angemessene Unterkünfte zu finden und in Betrieb zu nehmen, da deren Fehlen zu einer Verschlechterung der Gesundheitssituation, einschließlich des Auftretens von Epidemien und anderen übertragbaren Krankheiten wie Krätze führen kann. Dies ist von entscheidender Bedeutung für die betroffenen Flüchtlinge und Migranten, aber auch für die Bevölkerung der aufnehmenden Gemeinden.“

Interview im Wortlaut (PDF)
Was IOM an eigenen Zahlen (August 2018) ausweist.
Kompletter IOM-Bericht (Englisch)

Der Missbrauch, das Fälschen von Dokumenten oder Falschangaben spielen auch bei der irregulären Migration in Bosnien eine beträchtliche Rolle. Die selbstgemachten Angaben kann man glauben (oder auch nicht).

Über die Zahl derer, die sich auch ohne Registrierung im Lande aufhalten, kann nur vage spekuliert werden. Bosnische Beamte, die nur hinter vorgehaltener Hand mit uns sprachen, schätzen 20.000 bis 25.000 Migranten. Tendenz steigend. Mehr als 90 Prozent derer, mit denen wir mehr als ein Wort wechselten, gaben als Zielland Deutschland an. Sie wissen vor allem eines: Dort gibt es für sie ein „Gehalt“.
Bosnien steht vor den Migrantenproblemen statt dessen mit europäischen Brosamen da: Die Europäische Kommission hat im August eine Sondermaßnahme in Höhe von sechs Millionen Euro zur Unterstützung von Bosnien und Herzegowina zur der Steuerung der Migrationsströme beschlossen. Es sind Tropfen auf einen ganz heißen Stein, der noch heißer werden wird, wenn in Nordbosnien der Winter Einzug hält.

Kommentar: Glücksritter

Ja, die absoluten Zahlen neuer Migranten auf der Balkan-Route mögen im Vergleich zu 2015 „peanuts“ sein. Aber der Zustrom wächst beständig und damit auch die Probleme in der bosnischen Sackgasse. Bereits jetzt nehmen an den Brennpunkten Konflikte und Gewalt unter den Migranten zu. Die Polizei in Bihać und Velika Kladuša muss fast täglich bei Auseinandersetzungen mit Knüppeln, teils auch mit Messern, einschreiten. Oftmals machen gewalttätige Illegale auch vor der Polizei nicht Halt und sind nur mit Warnschüssen zu stoppen.
Die meisten Illegalen haben die Türkei und Griechenland passiert. Frontex und die Hellenen (in geringerem Maße auch Bulgarien) müssen sich fragen lassen, wie sie es mit dem Schutz der EU-Außengrenze halten! Gegenwärtig verfügt Frontex über rund 1.500 Mitarbeiter. Ursprünglich war vorgesehen, die Aufstockung auf 10.000 Mitarbeiter erst bis zum Jahr 2027 zu vollziehen. Der neue Zeitplan bis 2020 würde einen finanziellen Kraftakt darstellen: Für die Aufstockung auf 10.000 Mann veranschlagt die Kommission einen Betrag von 21,3 Milliarden Euro.
Alles Zukunftsmusik und fromme Absichten. Während dessen neigt sich die Geduld der Bosniaken dem Ende zu. Sie sprechen längst nicht mehr von izbjeglice (Flüchtlingen), sondern von azilanata (Asylanten). Und sie machen die Verantwortlichen für die drohende Krise nicht in den Herkunftsländern aus, sondern in Berlin und Paris. Die Namen Merkel und Macron werden abfällig ausgesprochen. Viele Menschen sagen unumwunden: Stoppt eure Geldleistungen, dann versiegt auch der Zustrom.
Bewegende Geschichten von Verfolgung hörten wir nicht, dafür drei deutliche Worte als Reiseziel: „A better life.“
Andreas Kühn

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Teil 2: „Sie heißen, wie sie sagen“
Teil 3: „The Game“ ist russisches Roulette

Aufgeschrieben von Andreas Kühn
Fotos: Andreas Kühn, Robert K.
Übersetzungen & Dokumentation: Fikret Pendek (Bosnisch), Rebecca Schmidt (Englisch)

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