Womit dröhnen Politiker die Realität weg?

Allgemein, Ansichten, Debatte

Rot und Schwarz hat sich der Wähler bisher geärgert: Die Zahlen sprechen für sich.
Immer öfter treibt die Thüringer Bürger um, warum (zu) viele Politiker scheinbar hoffnungslos vom Virus der gestörten Wahrnehmung befallen sind. Nachdem gestern eine erneute Umfrage über die aktuelle Stimmung gegenüber den politischen Parteien im Freistaat veröffentlicht wurde, habe ich defätistisch orakelt: „Ein Minus von sechs Prozent für die CDU, ein Minus von zwei Prozent für die Ramelow-Truppen. Es wird nicht lange dauern bis beide dennoch verkünden, alles richtig zu machen.“

Ich hätte mich auch gern getäuscht, aber auf die Fraktionsvorsitzenden von Linken und CDU ist eben stets Verlass, wenn es darum geht, dass aus Eisbären Himbeeren werden sollen. „Die hohe Zustimmung für Bodo Ramelow als Ministerpräsident und die Zahlen für Die Linke sind für uns Ansporn, weiter für unser Versprechen einer gerechten und sozialen Politik zu kämpfen“, ließ die linke Fraktionsvorsitzende Susanne Hennig-Wellsow verlauten. Mir ist unklar, wie man 8,2 Prozentpunkte Verlust gegenüber dem Landtagswahlergebnis von 2014 ohne den Gebrauch bewusstseinsverändernder Drogen als „Ansporn“ betrachten kann. Mehr als ein Viertel der Thüringer Wähler sind den Linken schreiend auf und davon gelaufen! Und was – bitteschön – ist an 29 Prozent Zustimmung für Bodo Ramelow „hoch“??? Im freundlichsten Falle ließe sich sagen: Er steht nicht ganz so deppert in der Wählergunst da wie seine Mitbewerber.

Dirk Adams, der Thüringer Ober-Grüne im Landtag, verkündet, dass es „keinen Grund zur Sorge“ geben würde. Das wird all jene diebisch freuen, die sich auf die Schenkel klopfen, das Rot-Rot-Grün längst die Mehrheit in der Wählergunst verloren hat – und die Grünen derzeit mit triefender Nase draußen stehen würden, wenn am Sonntag Wahl wäre.

Einen besonderen Humor muss ich den Thüringer Sozialdemokraten bescheinigen: Sie dümpeln in der Wählergunst unter „ferner liegen“, haben aber angesichts weniger Zehntelprozentpunkte Zuwachs plötzlich nicht mehr nur die Haare schön und faseln, dies sei „vielleicht so etwas wie ein Anfang“?

Die CDU-Granden sind noch immer voll „muttiviert“ und arbeiten sich daran ab, dass aktuell gegen sie keine Regierung gebildet werden könne. Kein Ton darüber, dass die Christdemokraten in Thüringen so schlecht dastehen wie lange nicht. Statt dessen Häme über die mageren Zustimmungsprozente Ramelows. Hat den CDU-Granden mit Unheiligenschein schon mal jemand erklärt, dass man selbst nicht dadurch besser wird, indem man andere schlecht schwätzt? Im Übrigen: Oppositionsführer Mike Mohring ist mit seinen 24 Prozent nun auch alles andere als ein Liebling der Massen …

Bei all dem stellt sich eigenständig denkenden Bürgern zwischen Eichsfeld und Reußischem Oberland die bange Frage: Ist Realitätsferne eine Grundtugend geworden, wenn man Politiker sein möchte? Oder ist die Wahrnehmung durch Substanzen getrübt, von denen nicht einmal eingefleischte Drogensüchtige und Alkoholiker auch nur den Hauch einer Ahnung haben? Die wirksamste Medizin gegen Realitätsverlust: Raus aus der eigenen Blase, rein ins Leben. Politiker sollten dem Volk wahrlich nicht nach dem Munde reden. Aber dem Volk mal wieder aufs Maul zu schauen, tut not! Sonst folgt bei den nächsten Wahlen ein noch böseres Erwachen.

PS: Gegenüber dem Landtagswahlergebnis von 2014 haben nur zwei Parteien wirklich Grund zum Jubel: Die AfD verdoppelte beinahe ihren Anteil, die Freien Demokraten verdreifachten beinahe ihr Ergebnis. Beide kommentieren das ganz kurz und bündig. Thomas Kemmerich, Thüringer Ober-Liberaler und inzwischen Mitglied des Bundestags, ist „sehr zufrieden“ mit dem bestens Abschneiden seiner Partei seit nunmehr acht Jahren. Stefan Möller, Parlamentarischer Geschäftsführer der AfD-Fraktion, twitterte:

Wie formulierte Edward Kennedy so treffend:

In der Politik ist es wie in der Mathematik:
Alles, was nicht ganz richtig ist, ist falsch.

Andreas Kühn