Sie wollen bleiben, wie sie sind

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Was haben Cordobang, Paska und Karlsdorf im Bundestagswahlkreis 195 gemeinsam? So einiges: Diese Ortschaften haben nur weniger oder wenig mehr als 100 Einwohner. Die Kirche steht mitten im Dorf. Viele Familien sind dort seit 100 oder mehr Jahren ansässig. Es gibt in der übergroßen Mehrheit Eigentümer an Grund und Boden. Bodenständige eben. Im Wortsinne. Kaum ein Haus, in dem es nicht Kinderlachen gab oder gibt. Jeder kennt jeden mit Namen. Man grüßt, man hilft, jeder macht sein Ding – und viele Dinge auch gemeinsam, vor allem die feierlichen. Die Kirchen füllen sich kaum noch – es sei denn, es wird geheiratet oder wurde gestorben.

Das erscheint alles sehr idyllisch. Bis zum späten Abend des 25. September 2017. Dann wird klar: Besagte drei Dörfer sind unter den Top Ten der Thüringer AfD-Hochburgen! In Karlsdorf wählte gar jeder Zweite die AfD. Alle Nazi – oder was? Mitnichten. Doch schauen wir mal genauer gen Cordobang:

Hundert Seelen wohnen dort schon längst nicht mehr. Dafür gehen alle, die arbeitsfähig sind, einer Arbeit nach. Jeder fünfte Einwohner ist jünger als 18 Jahre. Alle nach 1990 Geborenen haben erfolgreich eine Lehre oder ein Studium absolviert und sind selbstständig oder in Lohn und Brot. Es gibt keinen einzigen Mieter im Ort. Die Freiwillige Feuerwehr lebt, der Heimat-Verein ebenso.

Man wählt (2017 kamen AfD und CDU auf mehr als 75 Prozent der Stimmen), denkt und lebt gutbürgerlich. Ein jeder bezahlt seine Rechnungen pünktlich. Weder sind die Autos schrottreif, noch bröckelt der Putz von den Häusern. Das Gros der gern auch mal abschätzig Dörfler Genannten konnte sich nach 1989 auch eine gediegene Weltanschauung leisten. Alle gemeinsam haben mehr als 100 Länder dieser Erde bereist.

Wer dergestalt mit beiden Beinen im Leben und auf dem Boden der Tatsachen steht, ist immun gegen jedweden Nazi-Vorwurf. Ich habe zehn Tage nach der Wahl nicht das Gefühl, dass sich auch nur ein einziger AfD-Wähler von Bessermenschen angegriffen fühlt, die sich um alles Mögliche kümmern – außer um den eigenen Lebensunterhalt.

Die Menschen im Dorf leben ihr Leben. Nicht das von anderen. Ja, mir wäre nicht geläufig, dass auch nur ein Einziger im September 2015 unterwegs war, um Teddybären zu werfen oder an einem Bahnhof zu applaudieren. Warum und wozu auch? Und obwohl die “große” Politik weit weg von ihnen ist, haben sie – unterm Kaiser, in der Weimarer Republik, unter den Nazis, unter den Kommunisten, unter den Schwarzen und jetzt unter Rot-Rot-Grün und GroKo in Berlin – stets eines gehabt: Ein sehr feines Gespür dafür, wenn sie jemand für dumm verkaufen will. Sie sind gegen „Wir schaffen das“ ebenso immun wie gegen das „Neubürger“-Geschwätz des Thüringer Ober-Roten.

Doch das Wichtigste fehlt: In besagten drei Dörfern (und nicht nur da!) fühlen sich auch diejenigen, die noch nie einen Fuß ins Großherzogtum gesetzt habe, den Luxemburgern geistig sehr verwandt. Die sagen seit 1859: Mir wëlle bleiwe wat mir sin. Wir wollen bleiben, was wir sind, dokumentierten auch diejenigen, die jetzt in der Wahlkabine gegen den Strich gebürstet haben.

Wer jetzt an einem “weiter so” festhält, wird 2019 und 2021 ein blaues Wunder erleben. Im Wortsinne. Die Menschen auf dem Lande mögen kleine Lichter sein, kleine Geister sind sie nicht. Und sie möchten weder abgeholt, noch mitgenommen werden. Die Ältesten und Älteren kennen das noch aus Nazi- und aus kommunistischen Zeiten. Sie sind geheilt.

PS. Der Autor hat per Briefwahl gewählt.

Andreas Kühn