Generalverdacht – warum eigentlich nicht?

Allgemein, Debatte

Von Archi W. Bechlenberg – Ich bin ein älterer, manchmal etwas strubbeliger Mann. Mal angenommen, ich wüsste mit meiner freien Zeit nichts Besseres anzufangen, als spazieren zu gehen. Und ich würde mich zwecks einer kleinen Ruhepause in einem Park auf eine Bank setzen, vielleicht zufällig dort, wo ein Sandkasten und ein Klettergerüst und eine Rutsche stehen. Ich würde den Kindern beim Spielen zusehen und vielleicht einmal einen Ball, der bis zu mir rollte, zurückwerfen und dabei irgend etwas Nettes zu den Spielenden sagen. Wie lange würde es wohl dauern, bis die ersten Erziehungsberechtigten mich misstrauisch beäugen und ihren Kindern etwas zuflüstern und dann etwas früher gehen, als eigentlich geplant? Und angenommen, ich käme immer mal wieder dorthin, um meinen Kniescheiben eine kleine Erholung gönnen – wie lange würde es wohl dauern, bis die Polizei auftaucht und mich freundlich, aber bestimmt nach meinen Papieren fragt und wissen möchte, was ich denn immer in der Nähe von Kindern mache und ob ich mich nicht woanders hinsetzen könne; es gebe Beschwerden über meine Anwesenheit.

Ich vermute, nicht lange. Beschleunigen könnte ich die Ereignisse sicher noch mit einer Tüte Gummibärchen, aus der ich mir, gut sichtbar, wenn auch bloß zum eigenen Genuss ein paar Exemplare herausfische. Denn eigentlich sitze ich nicht an diesem Ort, sondern stehe. Unter Generalverdacht. Ein älterer Typ schaut auf dem Spielplatz Kindern beim Rumtollen zu, anstatt daheim zu sitzen und das Abendprogramm von ARD und ZDF in der Zeitung zu studieren? An dem kann doch was nicht stimmen. Und da ich das weiß, lasse ich mich an solchen Orten gar nicht erst nieder und setze mich ein Stück weiter weg, wo ich den Enten zuschauen kann. Beziehungsweise könnte, denn Spazierengehen gehört, wie anfangs angedeutet, eher selten zu meinen Freizeitbeschäftigungen. Gut für mich, denn so kann ich – zumindest nicht als Lustmolch – unter Generalverdacht geraten. Generalverdacht bedeutet: bestimmte Umstände wie Alter, Geschlecht, Herkunft oder Verhalten machen jeden verdächtig, auf den eines oder mehrere dieser Merkmale zutrifft, auch wenn es konkret keinen realen Anlass für den Verdacht gibt, dass der Betreffende oder die Betreffenden sich etwas hat zuschulden kommen lassen.

„Nach der Attacke bei Würzburg mahnen Bundesinnenminister de Maizière und Bundesjustizminister Maas davor, Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen“ teilt „Die Bundesregierung“ im Sommer 2016 auf ihrer Website mit. „Wir dürfen Flüchtlinge nicht unter Generalverdacht stellen, auch wenn es in einzelnen Fällen Ermittlungsverfahren gibt“, betont de Mazière. Und Maas kartet an gleicher Stelle eindringlich nach: „Alle Flüchtlinge pauschal unter Generalverdacht zu stellen, würde die Integration weiter erschweren.“ Da es sich bei der Meldung um eine Pressemitteilung der Bundesregierung handelte, griffen die Medien das Thema auf und trugen die Botschaft weiter. Nur kein Generalverdacht! Jedenfalls nicht gegenüber Flüchtlingen.

Es gibt guten, gerechtfertigten Generalverdacht und bösen, ungerechtfertigten
Nun ist Generalverdacht zwar ein klar definierter Begriff, aber so einfach ist die Sache denn auch wieder nicht. Es gibt nämlich guten, also gerechtfertigten Generalverdacht und bösen, ungerechtfertigten. Wer kritisch anmerkt, dass nicht alle Fachärzte und Hochbauingenieure, die im Zuge der ausgearteten Zuwanderungspolitik Merkels als syrische Kriegsopfer aus Algier und Marrakesch zu uns kamen, den Status Flüchtling für sich beanspruchen können, differenziert nicht, sondern generalverdächtigt böse und unzulässig. Wer den Islam und dessen Wurzeln sowie seine Auswirkungen auf eine westliche Demokratie kritisch wertet und sich nicht alleine auf die Aussagen von Herrn Mazyek und Frau Kaddor verlassen will, generalverdächtigt ebenfalls böse, rassistisch und zudem phob. Sofort meldet sich dann der gute, politisch korrekte Generalverdacht, und der macht klar, was wirklich Sache ist: dass die bösen Generalverdächtiger ausnahmslos Rassisten und Nazis sind und ihre Kritik aus den Abgründen menschlicher Niedertracht stammt.

Vor allem aus Sachsen, wenn man dem Wochenblatt STERN folgen will. Das Magazin, das heute seine schlechten Geschäfte unter einem ehemals guten Namen betreibt, arbeitet wie FAS, Bild, Welt, SZ, SPIEGEL und FOCUS (um nur einige zu nennen) erfolgreich am Projekt „Verkaufen war gestern“. Der STERN hat sich im 3. Quartal 2016 mit einem satten Minus von 8,4 Prozent verkauft und gibt sich damit offenbar nicht zufrieden. Also hat man sich zwecks Vergrämung weiterer Leser diese Woche Sachsen und seine Bewohner vorgenommen. „Sachsen, ein Trauerspiel“ menetekelt es auf der Titelseite, die einen Bericht über „das dunkelste Bundesland“ ansagt.

Wenn so etwas zur Auflagensteigerung beitragen soll, dürfte der Plan saftig in die Hose gehen. Leute, die geistig derart schlicht sind, dass sie von dieser Überschrift angezogen würden, kaufen keine Zeitungen, sie leben zu wesentlichen Teilen von „Staatsknete“, und die ist bekanntlich knapp. Differenziert denkende Menschen fühlen sich hingegen abgestoßen; eine aus diesem Artikel resultierende Auflagensteigerung ist also nicht zu erwarten. Stattdessen gibt es nur wenige Stunden nach Vorankündigung des neuen Heftes Hunderte empörter Kommentare auf der facebook-Seite des STERN. „Was für eine fürchterliche Pauschalierung!“ „Ihr nehmt jetzt ein ganzes Land in Sippenhaft!“, „sachlich nicht zutreffende Pauschalierung und Verurteilung“ – so geht es Beitrag um Beitrag.

Gerne und schon lange vor der Migrationswelle tauchte der Begriff Generalverdacht im Zusammenhang mit dem Thema Vorratsdatenspeicherung auf. Diese ist gegen jeden gerichtet, der ein Kommunikationsmittel wie E-Mail, Telefon, Chat und Messengerdienste verwendet. Jeder ist grundsätzlich verdächtig, auch ohne konkreten Verdacht und ohne konkreten Vorwurf. Kurz, jeder steht bei den Vorratsdatenspeicherern unter Generalverdacht. Die Namen der führenden Köpfe finden Sie drei Abschnitte über diesem. Was folgern wir daraus? Richtig, hier handelt es sich wieder um einen guten Generalverdacht.

Ich habe nichts gegen Generalverdacht, im Gegenteil, ich hege so manchen selber
Damit Sie mich recht verstehen: ich habe nichts gegen Generalverdacht, im Gegenteil, ich hege so manchen selber. Gegen BMW-Fahrer in meinem Rückspiegel zum Beispiel und gegen Götter und deren Personal und gegen Grüne und Rote und Braune. Und gegen Leute, die allen Ernstes glauben, junge Männer aus islamisch geprägten Ländern könnten sich so mir nichts, dir nichts hier „integrieren“ und unsere Werte respektieren lernen. Wer so etwas glaubt, hat einen massiven Dachschaden und gehört nicht auf politisch verantwortliche Posten, sondern in medizinische Betreuung. Und seitdem ich in den letzten vier Jahren zweimal Opfer von Verbrechen wurde, hege ich auch einen Generalverdacht gegenüber Angehörigen einer nichtsesshaften ethnischen Minderheit, die ich mir dezent, aber konsequent vom Leib halte, denn eine der beiden „Begegnungen“ war nicht so ganz ohne.

Speziell diesen Generalverdacht hege ich nicht alleine, der ist seit Jahrhunderten in der Welt. Ich weiß, ich tue damit vielen, sehr vielen Angehörigen dieser Völker Unrecht, aber um ehrlich zu sein: lieber bin ich seither bei entsprechenden Begegnungen vorsichtig, als dass ich mich noch einmal ans Messer liefere. Wozu mir seitens der mit diesen Fällen betrauten Behördenvertreter tunlichst geraten wurde, und die verfügen über eigene Erfahrungen und Zahlen und Fakten und halten sich mit beschönigenden Worten tunlichst zurück. Da mögen die Lobbyvertreter der Verdächtigten noch so aufheulen – meine Devise steht dagegen: Lieber General Verdacht, als General Custer. Ich habe damit moralisch keine Probleme, denn ich lebe diesen Generalverdacht nicht aggressiv aus. Ich habe ihn im Hinterkopf und verhalte mich entsprechend vorsichtig und defensiv. Rassismus? Quatsch. Davon faseln nur die, die noch nie überfallen wurden.

Generalverdacht ist allgegenwärtig, und ihn als etwas Unrechtes zu sehen, ist reichlich naiv. Wir alle pflegen Verhaltensweisen, die man als Generalverdacht beschreiben könnte. Auch schon vor den letzten Silvester-Ereignissen taten Frauen gut daran, gewisse Situationen, Orte und Personen generell zu meiden. Generalverdacht gegen gröhlende Saufbrüder, Generalverdacht gegen dunkle Straßen, Generalverdacht gegen nächtliche Begegnungen, warum denn nicht? Auch als Mann ist man mit einem gesunden Generalverdacht gut beraten; selbst wenn man nicht mit sexueller Aggression rechnen muss. Dafür vielleicht mit einer Frage wie „Was kuckstu?“ und anschließender Auseinandersetzung. Wenn ich weiß, so etwas könnte mich in bestimmten Umfeldern erwarten, dann meide ich diese Umfelder eben. Und wenn ich damit noch so vielen netten, freundlichen, zuvorkommenden Anwohnern mancher Orte, Viertel und Straßen Unrecht tue. So wie es auch unsere Volksvertreter praktizieren, die sich nur umgeben von Leibwächtern unters Volk trauen. Jeder ist in ihren Augen eine potenzielle Bedrohung, und die hält man sich doch dann besser ganz generell vom Leib. Das praktizieren selbst die Päpste, deren Vertrauen in ihren obersten Dienstherrn nicht gerade vorbildlich zu sein scheint.

Immer mehr Bürger nehmen übel, dass man sie für maßlos blöde hält

Dass für einen Teil der bewegten Frauen alle Männer unter Generalverdacht stehen, muss kaum besonders erwähnt werden; mann konnte und kann es seit Jahrzehnten hören und lesen. Kurioser Weise warfen sich Vertreterinnen dieser Denke ausgerechnet für die ausländischen Silvester-Antänzer in die Bresche, indem sie in Medienbeiträgen die Aussage streuten, Männer seien nun mal generell so, und die neu hinzugekommenen Kulturbereicherer seien nicht schlimmer als Seppl und Alois auf dem Oktoberfest. Das hat sich in den folgenden Monaten als fernstenliegend und weltfremd erwiesen.

Der allerunzulässigste böse Generalverdacht besteht in Deutschland gegenüber dem Islam und seinen Anhängern, erst recht, wenn diese mit dem Etikett „Flüchtlinge“ ins Land gekommen sind. Auf die Frage, woraus dieser Verdacht resultiert, gibt es genug plausible Antworten. Ich muss diese Antworten hier nicht auftischen, sie sind bekannt. So bekannt wie der umgehend eintretende Beißreflex der Vertreter des guten Generalverdachts: Wer dem Islam und seiner Ausbreitung im Westen kritisch gegenüber steht, wer gegen dessen totalitären Anspruch ist, alle Bereiche des Lebens zu bestimmen und zu kontrollieren und dem Gehorsam gegenüber einem Gott alles Andere unterzuordnen, der ist im höchsten Maße suspekt, ein Rassist, Fremdenfeind und Nazi sein. Und wenn so ein böser Mensch andeutet, dass ein wesentlicher Teil der Zuwanderer in Wirklichkeit aus Migranten besteht, die die Gunst der Stunde – sprich die Kopf- und Planlosigkeit der Merkel-Regierung und der sie tragenden „Opposition“ – nutzen, um im Kielwasser tatsächlicher Kriegsopfer nach Europa zu strömen und die zahlreichen Vorteile unserer Gesellschaft (die sie zugleich wegen ihrer Blauäugigkeit und Ungläubigkeit zutiefst verachten) genießen zu können.

Dass dieser Generalverdacht gegen Migranten auf keinen Fall sein darf, wird uns seitens der Obrigkeit und ihrer medialen Helfer weiterhin einzutrichtern versucht. Bloß, das klappt immer weniger; das Gefasel von „Einzelfällen“ nimmt kaum noch jemand ernst, dafür nehmen es immer mehr Bürger übel, dass man sie für maßlos blöde hält. Dass noch nicht alle Bürger, deren Unbehagen und Ängste seit Monaten täglich gewachsen ist, ihre Enttäuschung und Wut offen äußern, liegt nur an den allgegenwärtigen Bedrohungen, denen wir dank eines aktiven Repressionsapparates im virtuellen wie realen Leben längst ausgeliefert sind. Eines Repressionsapparates, der, so lange es noch geht, der drohenden Eruption die Energie nehmen soll. Nur, das wird nicht mehr lange gut gehen. Absetzbewegungen erkennt man deutlich bei manchen Vertretern des Guten, die jetzt versuchen, sich mit „Wir waren alle zu naiv“ herauszuwinden. Nein, waren wir nicht, Alice Schwarzer, Giovanni di Lorenzo! Ihr wart naiv, aber es gibt genug Leute, die schon vor Jahren vorhergesagt, ja, gewusst haben, was kommen wird. Und ihr habt sie schlechtgemacht und -geschrieben.

Wer, wie es hunderttausendfach geschehen ist, gegen geltendes Recht handelnd Fremde unkontrolliert ins Land lässt, von denen man weder weiß, woher sie stammen noch wer sie sind noch wie viele es sind noch wo sie sich heute aufhalten, hat kein Recht, sich über einen Generalverdacht gegenüber diesen Fremden zu mokieren. Wer aus Verblendung, Selbstüberschätzung, Cäsarenwahn oder bloß schlichter Unfähigkeit, Fehler einzugestehen, eine für Deutschland, Europa und den Frieden im Generellen hochgefährliche Politik betreibt, gehört selber unter Generalverdacht und muss mehr denn je beobachtet, kritisiert und mit allen demokratisch legitimierten Mitteln gestoppt werden.

Archi W. Bechlenberg, Jahrgang 1953, ist studierter Bau- und Kunsthistoriker und arbeitet heute in verschiedenen kreativen Disziplinen, so als Journalist und Autor, aber auch als Maler und Fotograf. Er ist der typische Flaneur, der die beim meist ziellos Umherstreifen gewonnenen Erlebnisse und Eindrücke interpretiert und kreativ umsetzt. Im Internet gibt er unter dem Motto „Mit Geist, Genuss und Gelassenheit“ das Portal „Herrenzimmer“ heraus, zu dessen Botschaften Hedonismus und political incorrectness gehören. Zur persönlichen Webseite. Sein vorstehender Beitrag erschien zuerst hier.