Erzog ein ehemaliger Mordskerl jahrelang Kinder?

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Das neue Schuljahr in der Saalfelder Caspar Aquila-Schule hatte kaum begonnen, da machten unter Lehrern und Eltern bereits die ersten Gerüchte die Runde. Sollte tatsächlich im Kinderhort ein Erzieher tätig sein, der vor 23 Jahren in einem Mordfall, der ganz Deutschland erschütterte, eine gewichtige Rolle spielte? Sollte es angehen, dass ein am 9. Februar 1994 wegen gemeinschaftlich geplanten Mordes, Freiheitsberaubung und Nötigung zu acht Jahren Freiheitsstrafe nach Jugendstrafrecht verurteilter Mörder nun Kinder erzieht? (Zu) viele Indizien sprechen dafür. Aber der Reihe nach:

Am 29. April 1993 ermordeten Sebastian S., Hendrik M. und Andreas K. (damals alle 17 Jahre alt) in Sondershausen den 15-jährigen Sandro B. Die drei damals der rechtsextremen Band „Absurd“ (sie wurde im Bericht des Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz erstmals 1999 als rechte Black-Metal-Band aufgeführt) angehörenden Mörder lockten ihr Opfer unter einem Vorwand zu einem Treffen. Dort erdrosselten sie ihn gemeinschaftlich mit einem Stromkabel. Ihr Opfer verscharrten sie im Anschluss in einem Erdloch. Sebastian S. und Hendrik M. bezeichneten sich sowohl vor der abscheulichen Tat als auch im anschließenden Prozess als Satanisten. Der überregional Aufsehen erregende Kriminalfall wurde von der ARD 2001 in der Reihe „Die großen Kriminalfälle“ aufgearbeitet. (Link zu „Satansmord“ – Tod eines Schülers)

Jetzt wird es erstmals absurd: Die Strafe traten alle Täter in der Justizvollzugsanstalt Erfurt an, obwohl das Gericht für eine getrennte Unterbringung plädiert hatte. Sie lebten bis 1995 sogar in einer gemeinsamen Wohngruppe. Im Gefängnis konnten die verurteilten Mörder ihre Band, welche in Teilen der rechtsextremen Szene zu Kultstatus gelangt war, fortführen – als Gruppe, die sich „In Ketten“ taufte (siehe ARD-Doku). Nach diversen Presse-Berichten wurden sie dann aber in unterschiedliche Haftanstalten verlegt, den JVA-Chef in Erfurt kostete das seinen Job. Sebastian S. holte in der Haft das Abitur nach und wurde im Jahr 1998 vorzeitig entlassen. Danach studierte er verschiedenen Quellen zufolge Jura. Sebastian S. soll zudem bis zum 21. März 2006 Mitglied bei der Neofolk-/Metal-Band Halgadom des der rechten Szene zuzurechnenden Frank Krämer (Stahlgewitter) gewesen sein. (Weiterführender Link)

Spätestens 2011 taucht in der Caspar Aquila-Schule in Saalfeld ein Erzieher Sebastian F. auf, arbeitet dort bis Spätsommer 2017. Es ist kein andere als Sebastian S., der den Nachnamen seiner Ehefrau angenommen hat! Bilder sprechen eine eindeutige Sprache: Aus rechtlichen Gründen haben wir das Foto von Sebastian S. und das des heutigen Erziehers Sebastian F. nur verlinkt.

Wir haben, nachdem die Zahl der Hinweise das Dutzend erreicht hatte, umgehend die Stadt Saalfeld als auch die Schule angeschrieben. Im Original waren die Nachnamen ausgeschrieben. Das waren die Fragen:

Trifft es zu, dass der 1994 verurteilte und 1998 vorzeitig entlassene Mörder Sebastian S. und Sebastian F. ein und dieselbe Person sind?
War das bei seiner Einstellung bekannt? Wenn ja: Welche Gründe gab es, einen verurteilten Mörder ausgerechnet mit Kindern arbeiten zu lassen?
Hat er ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorgelegt?
Wenn nicht: Warum wurde dies nicht abverlangt?

Seitens des Schulamtes Südthüringen schrieb dessen stellvertretender Leiter Michael Kaufmann:
„Ich muss jedoch darauf verweisen, dass wir aus Datenschutzgründen keine Informationen zu einzelnen Mitarbeitern oder Mitarbeitern veröffentlichen können.
Gern erläutere ich Ihnen die Vorgehensweise bei Einstellungen von Erziehern und Lehrern. Neben den üblichen Bewerbungsunterlagen ist durch die Bewerber u. a. ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorzulegen. Weist das erweiterte polizeiliche Führungszeugnis eines Bewerbers keine Eintragung auf und erfüllt sie/er die weiteren Einstellungsvoraussetzungen, besteht die Möglichkeit der Einstellung.
Bei Bekanntwerden von Vorwürfen gegen Lehrkräfte oder Erzieher werden diese Vorwürfe unmittelbar geprüft. Dazu gehört, dass unverzüglich im zuständigen staatlichen Schulamt ein Personalgespräch mit der Beschuldigten oder dem Beschuldigten geführt wird. Im Ergebnis einer solchen Prüfung muss dann jeweils im Einzelfall über mögliche dienstrechtliche Maßnahmen entschieden werden. Die Maßnahmen müssen angemessen und verhältnismäßig sein.
Ich kann bestätigen, dass es jüngst einen Fall gab, bei dem wir nach Bekanntwerden der Vorwürfe entschieden haben, dass die Person bis zur endgültigen Klärung nicht mehr in der Arbeit mit Kindern eingesetzt wird.“

Für die Stadt Saalfeld antwortete Thomas Gebuhr, Leiter der Rechtsabteilung, wie folgt:
„Die Stadt Saalfeld/Saale hat mit Auslaufen des Projektes zur Kommunalisierung der Grundschulhorte Mitte 2016 das Erzieherpersonal mit allen geforderten Unterlagen an das Staatl. Schulamt Südthüringen übergeben. Anfragen über das aktuell beschäftigte Erzieherpersonal können daher nur von dort beantwortet werden.
Die Stadt Saalfeld/Saale hat im Zeitraum ihrer Zuständigkeit bis 2016 nur Erzieher eingestellt, die ein einwandfreies erweitertes Führungszeugnis beibringen konnten.
Im Übrigen geben wir an Dritte in Bezug auf frühere oder aktuelle Beschäftigte der Stadtverwaltung Saalfeld/Saale aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Auskünfte aus Personalakten.“

Kommentar: (Zu) viele offen Fragen

Verdachtsberichterstattung ist ein heikles Thema – unter Juristen ebenso umstritten wie unter Journalisten. Im vorliegenden Fall sind die Indizien so erdrückend, dass wir uns zu einer Veröffentlichung entschieden haben, auch wenn es noch (zu) viele offene Fragen gibt. Gestellt wurden sie, es liegt an den Zuständigen, hier Licht ins Dunkel zu bringen. Die beiden Antworten sind ebenso windelweich wie nichtssagend. Was sie definitiv nicht sind: Ein klares Dementi, denn das geht anders.
Dass es im Saalfelder Rathaus noch am Vormittag einen “Maulkorb” für die Mitarbeiter gab, spricht Bände. Dass man sich mit einem Verweis auf das Jahr 2016 aus der Verantwortung stehlen möchte, ist schlicht unanständig und unprofessionell. Man darf gespannt sein, was man morgen (13.9.2017) den Stadträten im Hauptausschuss verkündigen wird. Die Caspar Aquila-Schule selbst hüllt sich in Schweigen und lässt die übergeordnete Behörde Floskeln schreiben. So nicht!
Das erweiterte Führungszeugnis bedarf weiterer Erklärung wie auch die Antwort aussteht, wie einstmals der Bewerber Sebastian F. eine vierjährige Lücke im Lebenslauf so “füllte”, dass niemand stutzig werden konnte. Oder wollte niemand stutzig werden? Es ist an der Zeit, dass unter vielen Blinden (auch auf dem rechten Auge?) endlich ein Sehender ist, der die Schweigemauer einreißt.
PS: Resozialisierung ist ein wichtiger Bestandteil des deutschen Rechts. Zu recht. Ein Kinderhort ist allerdings der falsche Ort im konkreten Fall.

Andreas Kühn